Kürzlich habe ich eine vierteilige Oral-History-Reihe in der ARD Mediathek unter dem Titel Kinder der Flucht gesehen. Es geht in den Beiträgen um die Lebensgeschichten von Menschen, die aus Ostpreußen, Polen, Tschechien und der Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkriegs als Kinder auf der Flucht waren. Manche von ihnen sind regelrecht verwildert. Sie waren zwischen zirka 1945-1948 als sogenannte Wolfskinder im ehemaligen Ostpreußen und Litauen unterwegs, ohne Eltern und Erwachsene, ganz auf sich alleine gestellt. Andere waren in Begleitung eines Elternteils, oder sie fanden nach vorübergehender Trennung zu Familienangehörigen zurück. Die nächsten wurden von einem Elternteil im Stich gelassen — wie der Sohn eines hochrangigen Nazioffiziers, der nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft eine neue Familie gründete und seine Kinder aus erster Ehe ignorierte. All diesen Geschichten ist gemein, dass es sich um Kindergeschichten handelt, wie sie das Leben in einer besseren Variante nicht erzählen sollte. Kinder der Flucht eben — ein trauriges Phänomen, das auch heute massenhafte Normalität ist.
Ein Mädchen aus der Reihe war seinen polnischen Eltern durch die Nazis entrissen worden, kam über das rassistische Nazi-Programm Lebensborn an eine deutsche „Mutti“ (wie sie die Frau den Film hindurch nennt), gelangte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder zurück nach Polen zu ihrer echten Mutter, die im Gegensatz zum Vater das KZ überlebt hatte. Es mag äußerst befremdlich wirken — doch die deutsche „Mutti“ und die polnische „Mama“ (so die Worte des Mädchens im hohen Alter) nahmen Kontakt zueinander auf und wurden sogar zu recht engen Freundinnen.
Zwei andere Mädchen, ebenfalls aus Polen, überlebten durch abenteuerliche Flucht nach Sibirien und Kasachstan, wo sie sich an katastrophale Umstände erinnern — doch die Flucht in die Regionen fernab der Frontlinie ermöglichte ihnen das Überleben. Das jüdische Mädchen unter ihnen landete, nach vorübergehender Rückkehr nach Polen und in Begleitung seiner Mutter, schließlich in Tel Aviv. Die Mutter entschied, dass der nach wie vor virulente Antisemitismus in Polen keine Zukunft verhieß, und so landeten beide zunächst im ehemaligen KZ Ebensee in Österreich, das in ein Lager für Displaced Persons (DP-Lager) unfunktionalisiert war — gefolgt von einem weiteren DP-Lager in Deutschland.
Ein deutscher Waisenjunge aus Stettin/Szczecin wurde dort glücklicherweise von einem polnischen Bäcker aufgenommen, nachdem er völlig hilflos und ausgehungert auf den Straßen umhergeirrt war; davor war er nur durch die großzügige Hilfe russischer Soldaten dem Hungertod entgangen, den seine Angehörigen gestorben waren. Er beschreibt „hängengebliebene“ sinnliche Eindrücke, deren Bedeutung man im Kontrast zur schieren Elendserfahrung nachvollziehen kann: so etwa die Tatsache, dass er sich in der Bäckerstube täglich mit warmem Wasser duschen durfte. Nach dem Krieg wurde er — fast scheint es: eher unfreiwillig — von einem plötzlich aufgetauchten Auto nach Schleswig-Holstein gebracht, wo er im Laufe seines Lebens den Großteil seines damals fließenden Polnischs wieder vergessen würde. In Schlesweig-Holstein würde er von den Alteingesessenen despektierlich als „Pole“ herabgewürdigt, was mich sofort an die Beschreibungen des Historikers Andreas Kossert in Kalte Heimat denken ließ: Im Nachkriegsdeutschland war Rassismus von Deutschen gegenüber Deutschen kein Einzelfall.
Zwei deutsche Mädchen aus Ostpreußen erlebten unabhängig voneinander, als „wilde Kinder“, viel Großzügigkeit in Litauen, wohin sie zum Erbetteln von Lebensmitteln vagabundierten. Beide beschreiben menschliche Abgründe, die sich auch unter den Überlebenden und innerhalb der Familien abspielten, die sich auch später nicht mehr heilen ließen. Ein Junge aus dem Sudentenland erzählt, als alter Mann in oberfränkischem Dialekt, wie ihn der tschechische Nachbarssohn nur knapp vor der Erschießung bewahrte, weil er ihn aus den Reihen der erwachsenen Männer herausnahm und zu den Kindern gesellte, zu denen er auch eigentlich noch zählte. Viele seiner Altersgenossen, die sich zu den Männern gestellt hatten, wurden wie die Erwachsenen erschossen. Zusammen mit den restlichen Frauen und Kindern seines Heimatorts wurde er schließlich nach Deutschland vertrieben. Ein anderer deutscher Junge aus Polen würde als erwachsener Mann mehr als zwanzig Mal zu seinem Elternhaus zurückkehren, wo er in Kontakt zu den polnischen Bewohnern treten würde.
Einschließlich der Hungerbäuche, der Hautkrankheiten, der Gewalt- und Tod-Erfahrungen sind die Geschichten äußerst harter Tobag. Es ist besonders eindrücklich, wie diese zum Zeitpunkt der Aufnahmen sehr betagten Menschen ihre Erlebnisse als Kinder beschreiben, wie sie dabei immer wieder von ihren Emotionen und ihrem Schmerz überwältigt werden, und zwar auf eine Weise, die meist ohne den Kitsch von „Heimatlichkeit“ auskommt. Die Macher:innen der Reihe schaffen es meiner Meinung nach erfolgreich, das Problem der Unstetigkeit und Unzuverlässigkeit derart weit zurückliegender Erinnerungen zu überbrücken und zu ergänzen, indem ein breiter Kontext hergestellt wird — trianguliert mit anderen Quellen und Zusatzinformationen, etwa dokumentierten Zahlen sogenannter Wolfskinder, displaced persons, Hintergründen zu Lagern, aber auch den Dimensionen von Vergewaltigungen, die viele Kinder als Augen- oder Ohrenzeugen erleben mussten.
Es gelingt durch die Auswahl unterschiedlicher ethnischer Hintergründe, nicht in eine revisionistische Falle à la schwer rechtslastiger, revisionistischer Vertriebenenverbände zu tappen, indem die Portraits etwa insinuieren würden, das Leid der vertriebenen Deutschen wöge das Leid der durch Deutsche Gemordeten und Vertriebenen auf. Zumindest fügen sich bei mir die Geschichten unter dem Strich in eine Gesamtbilanz ein: Auch das Leid der Deutschen war durch Deutsche verursacht. Durch deutsche Nazis — auch wenn die Grausamkeit der Sieger (die z.B. als Vergewaltiger oder Erschießungskommandos auftreten) nicht geschönt wird. Gleichzeitig werden die Ambivalenzen gut zum Ausdruck gebracht, etwa in den Beschreibungen lebensrettender Menschlichkeit seitens derer, denen man Rache angesichts der Naziverbrechen schwerlich verdenken könnte.

Kilmannstal / Письменне
Ich will nicht noch detaillierter auf die Oral-History-Reihe Kinder der Flucht eingehen, sondern auf einen Aspekt hinaus, der mit meiner eigenen Familiengeschichte väterlicherseits zu tun hat. Meine Großmutter Olga wurde in eine Familie aus der Ukraine östlich des Dnjepr/Dnipro geboren, aus einem Dorf namens Kilmannstal, das seit der Nachkriegszeit den Namen Pysmenne (Письменне) trägt und in der heutigen ukrainischen Oblast Dnipropetrowsk liegt (soviel ich weiß, heißt die Oblast immer noch so). Dort, in der Ostukraine, herrscht auch heute wieder Krieg. In den Erzählungen meiner Verwandten tauchte der Ortsname als Pismennoje (Письменное) auf, also in russischer Sprache, und wenn ich mich richtig erinnere, wurde mir beschrieben, dass die gleichnamige Bahnstation etwas außerhalb des Ortes lag. Die Geschichte von Kilmannstal geht auf eine sogenannte „kaiserliche Aussiedlung“ zurückgeht, wie es meine Großcousine Tante Toni genannt hat. Diese wusste zu berichten, dass ihr Familienzweig namens Amboni aus einem Ort im Badischen ausgewandert war, wohin der Kontakt jedoch erloschen ist. Mittlerweile gibt es sogar einen mehrsprachigen Wikipedia-Eintrag zu dem Ort:
»Die Ortschaft entstand nach dem Bau einer Eisenbahnstation im Jahr 1884. Ab 1886 siedelten sich deutschsprachige Siedler unter dem Kolonisator Kilmann an, die die Ortschaft Kilmannstal nannten. Nachdem die deutschsprachigen Einwohner nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben oder verschleppt waren, erhielt die Siedlung 1946, nach dem ehemaligen Landbesitzer der Gegend, den Namen Pysmenne. 1957 wurde Pysmenne zu einer Siedlung städtischen Typs erhoben.«
Wikipedia
Durch ihren von den Stalinisten verschleppten Vater trug sie den polnischen Familiennamen Leszkiewicz (eingedeutscht Leschkewitz), so dass man wohl von einer deutsch-polnischen Familie sprechen sollte. In Genealogien im Netz findet sich auch die Information, dass es sich um einen belarussischen Namen handle; als Südslawist kann ich das nicht genauer beurteilen. Genaueres ist nicht bekannt, denn der Vater (mein Urgroßvater) wurde „nach Sibirien verschleppt“, wie es immer hieß. Trotz späterer Bemühungen der Familie, über sein Schicksal Klarheit zu erlangen, blieb alles weitere über seine Person und seinen Verbleib im Dunkel der verschwundenen Geschichten, derer es viele geben dürfte.
Olga ist als 1929 geborene Teenagerin (eine wahrscheinlich anachronistische Kategorie) in der Endphase des Zweiten Weltkriegs über viele Zwischenstationen, darunter Schlesien, ins heutige Deutschland gekommen, das damals noch Naziland war. „Geizige Leute“, ist mir zu Schlesien im Gedächtnis geblieben, „und später mussten sie selbst fliehen“ — wie es hieß. Beim Betrachten der Oral-History-Reihe musste ich immer wieder an Olga, Toni, Marta und ihre Leute denken und mich fragen, was sie wohl alles erlebt haben mögen, das mir für immer verborgen bleiben wird. Nur Teile wurden mir immer wieder erzählt, hauptsächlich von Olgas redseliger Schwester Marta und ihrer sachlich-kundigen Cousine, Tante Toni. Olga ist bereits 1990 gestorben. Damals war ich zwar erst zehn Jahre alt, aber ich erinnere mich tatsächlich relativ gut an sie, denn sie wurde von ihren Enkelkindern vergöttert. Olga wurde von ihren Schwestern, Brüdern und Cousinen – darunter der mehrsprachigen, inzwischen ebenfalls verstorbenen Tante Toni überlebt. Mit letzterer habe ich, viel zu spät, sogar noch ein (leider nur schriftliches) Interview geführt. Ich werde es für immer bereuen, keine Audio- oder Video-Aufnahme mit ihr gemacht zu haben, doch dafür wurden wir an der Uni damals leider nicht ausgebildet.
Als die Wehrmacht 1943 aus der Gegend von Kilmannstal vertrieben wurde, war Olga 14 Jahre alt, zu Kriegsende war sie bald 16. Laut ihrer Cousine, besagter Tante Toni, die nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion bis 1948 im polnischen Katowice gelebt hatte und aus erster Ehe den ukrainischen oder belarussischen Namen Mischstenko trug, wurden die Bewohner Kilmanstal auf Geheiß der Wehrmacht mehrmals gezwungen, den Ort zu verlassen und wieder an ihn zurückzukehren, bevor die Flucht endgültig war. Von ihr wurde mir ebenso erzählt, dass ein Teil der Familie auf dem Fluchtweg, der vorerst auf einem fränkischen Gutshof (der sogenannte Rothof) endete, die Bombardierung Dresdens erlebt habe.
Nur Olga blieb in Franken, wo sie einen Alteingesessenen heiratete — meinen Großvater, den aufgrund seines frühen und tragischen Unfalltodes im Jahr 1951 nicht einmal seine Kinder kennenlernen sollten. Später, nach 1948, kam Tante Toni in den Nachbarlandkreis. Der Rest von Olgas Geschwistern sowie die Mutter, unsere sogenannte „dicke Uroma“, zogen ins Rheinland und nach Gelsenkirchen: zur Arbeit in den Zechen, bevor sie sich schließlich in Baden-Württemberg niederließen. Dort, in Tübingen, in Bietigheim-Bissingen, in Steinheim und anderen Orten, wurzeln viele meiner Kindheitserinnerungen, denn wir haben Olgas Schwestern und Brüder dort regelmäßig besucht — und umgekehrt. Sie landeten zwar nicht im Badischen, woher die Einwohner Kilmannstals ursprünglich kamen, aber interessanterweise Südwesten Deutschlands, in der Nähe.

Eine der Fluchten aus Kilmannstal — wenn nicht (wahrscheinlich) die letzte — muss im Winter stattgefunden haben. Ich erinnere mich an eine besonders erschreckende Szene, die mir als Kind erzählt wurde, meiner Meinung nach von Olga selbst. Erinnerungen dieser Art sind zwar wenig verlässlich und innerhalb der Familie sogar umstritten — aber das folgende ist meine (fehlbare) Version: Die Flüchtenden seien teils mit Pferdewägen über den gefrorenen Dnjepr gezogen, als hinter Olga andere Flüchtlinge „mit Maus und Mann“ eingebrochen und ertrunken seien. Mir hat sich die Wendung „mit Maus und Mann“ sofort tief eingeprägt, weshalb ich mir sicher bin, sie genau so gehört zu haben. Doch aus wessen Mund kamen nun diese Worte?
Als ich jedoch vor einigen Jahren mit meiner Tante, Olgas Tochter, darüber gesprochen habe, meinte sie, dass es nicht sein könne, dass die Geschichte von Olga erzählt worden sei. Ihre Mutter habe nie über ihre Kriegserlebnisse gesprochen und sei tief traumatisiert gewesen. Eine mögliche Erklärung dazu ist, dass Olga entweder mit ihren eigenen Kindern (meinem Vater, meiner Tante) nicht über diese Erlebnisse sprechen konnte — mit ihrem Enkelkind aber schon, womöglich spielte ein intergenerationaler Abstand eine Roll, womöglich wollte sie ihre Kinder auch schützen. Eine zweite mögliche Erklärung wäre, dass ich die Geschichte tatsächlich nicht von Olga, sondern ihrer Schwester Marta gehört habe. Egal, wie es sich nun mit der Autorschaft der Geschichte verhält: Fest steht, dass die deutschen Bewohner Kilmannstals verschwunden sind.

Das Ende des Kalten Krieges sorgte für eine „Auffrischung“ der Verbindungen in die (ehemalige) Sowjetunion. Einer von Tonis Brüdern, ein alter Mann mit Goldzähnen, dem man die Geschwisterschaft zu Toni ansah, ist kurioserweise in der UdSSR geblieben. Von dort ist er erst in den frühen 1990er Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen, fast zeitgleich (etwas früher) mit der Flucht der jugoslawischen Verwandtschaft, ihrerseits aus einem anderen, jüngeren Krieg. Dessen Frau, eine Moldawierin, sowie seine Tochter (oder war es die Schwiegertochter?), hießen beide ebenfalls Olga.
Er brachte zwei männliche, dunkelhaarige Enkelsöhne mit, die etwas altertümliche Namen trugen und etwas älter waren als ich. Einer rauchte bereits, beide wirkten entwurzelt, der ältere von ihnen neigte bald der Kriminalität, später der schweren Kriminalität zu. Zwei jüngere, blondhaarige Enkeltöchter, die Zwillinge waren, hatten durch die Tschernobyl-Katastrophe gesundheitliche Schäden davongetragen. Sie ernteten unser Mitleid, haben ihre Krankheit aber meines Wissens gut überstanden. Doch der Kontakt zu ihnen erlosch Mitte-Ende der 1990er Jahre.
Als diese Spätaussiedler nach Franken kamen, landeten sie zuerst in einer Dachgeschosswohnung eines kleinen Hauses in einem abgelegen Dorf in unserer Nähe. Anschließend wohnten sie in einem riesigen, alten fränkischen Haus, das wie eine Mühle aussah und sich in einer größeren Stadt am Main befand. Meine Eltern wollten, dass wir Kinder miteinander spielten. Doch das funktionierte nicht nur aufgrund des Altersunterschieds nicht: wir konnten uns nicht verständigen, waren einander eher abgeneigt oder fremd, und zudem wohnten wir zu weit voneinander entfernt, als dass sich eine freundschaftliche Beziehung hätte entwickeln können. Bei Besuchen dort wurde Borschtsch gekocht — ein Gericht, das mein damals bereits krebskranker Vater aus einem mir nicht mehr nachvollziehbaren Grund übernehmen und nachkochen würde. Ich hasste es damals, aufgrund der Rindfleischeinlagen, aber anderes Thema. Borschtsch galt als russisches Gericht — unabhängig davon, dass es natürlich auch als ukrainisches Gericht gilt. Die Diskussionen darüber erinnern mich an die Streitereien aus Südosteuropa, wem nun welches Gericht gehört. Es hieß jedenfalls immer, sie alle seien Russen.
Auch Tante Toni sprach zeitlebens Russisch. Sie freute sich, als sie erfuhr, dass ich ein Russisch-Propädeutikum an der Uni angefangen hatte, und wird wohl etwas enttäuscht gewesen sein, als ich mich dann doch lieber für eine andere Sprache entschied. Als Student der Osteuropastudien wurde Tante Toni immer interessanter für mich. Jedes Mal, wenn ich nach Franken kam, versuchte ich, sie zusammen mit meiner Mutter zu besuchen. Im Winter würde sie ihren legendären Stollen servieren, dazu gab es Tee und Geschichten. Noch in ihren letzten Lebensjahren rief sie regelmäßig in Kiew und Moskau an, bei „ihren Mädels“, die freilich weit über 70 waren und sie auch mindestens einmal in Deutschland besuchten. Die Mädels waren Verwandte, eine trug den Namen Lidija, und sie sprachen Russisch mit Toni. Einmal wusste Toni nach einem solchen Telefonat bei Stollen und Tee zu berichten, dass in der Ukraine eine so garstige Kälte geherrscht hatte, dass alle Hühner eines der Mädels im Stall erfroren waren. Sie hatte darüber hinaus auch eine informierte, eindeutige Meinung zu Wladimir Putin, die diesem ganz und gar nicht gefallen würde.
Wenn ich mich richtig erinnere, ist Toni nach ihrer Flucht nie wieder in die Ukraine gereist. Anders die Schwester meiner Oma, Tante Marta. In der Wendezeit ist sie mit Mann und Sohn in die späte Sowjetunion geflogen, wonach sie in ihrem schnatternden, blumigen Stil begeistert von der Reise erzählte. Sie hatte dort in Jalta auf der Krim geurlaubt. Sie zeigte Fotos vom Schwarzmeerstrand und den mehrspurigen Straßen Kiews — und brachte mir aus Pysmenne einen Maulbeerbaum mit. Nachdem ich ihn die ersten Jahre aus Unwissenheit einer völlig falschen Behandlung unterzog, ist er fast eingegangen. Ich war aufgrund seines exotischen Namens und trotz der Geschichte über den zugefrorenen Dnjepr (mit Maus und Mann ertrunken) davon ausgegangen, dass er keinen Frost vertrüge, so dass ich ihn am Küchenfenster hielt. Endlich und nach Geheiß der bestürzten Marta ausgepflanzt, nahm er vorübergehend einen verkrüppelten Habitus an. Heute steht er, nach einer weiteren Entwurzelung und Umpflanzung, einigermaßen stattlich in unserem fränkischen Garten. Manches Jahr trägt er so viele Früchte, dass meine Mutter schon Marmelade daraus kochen konnte.
Die geschichtliche Verbindung nach Pysmenne „lebt“ also gewissermaßen noch. Das Detail mit dem Maulbeerbaum ist einer Szene aus Kinder der Flucht nicht unähnlich, und dürfte von Marta genauso beabsicht gewesen sein. In der Szene aus Kinder der Flucht kehrt ein hochbetagtes Fluchtkind an den Ort seiner Kindheit in Polen zurück und nimmt von dort einen Plastikbeutel voll Erde aus der ersten Heimat mit — ein Klassiker unter den Fluchtgeschichten.1Also doch eine Fußnote, falls jemand genauer über diese Fluchtzusammenhänge nachlesen möchte: Kossert, Andreas (2008). Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. München: Pantheon sowie Kossert, Andreas (2022 [2020] ). Flucht: Eine Menschheitsgeschichte. München: Pantheon.
