- Einleitung: Das fünfundzwanzigste Jahr
- Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen
- Das Jahrgangstreffen in Zeil / Erster Teil
- Heitere Gespräche bei diffuser Traurigkeit
- Übergangsriten und das Jahr-2000-Problem
- Das Millenium beginnt am Chott el Djerid und hält keines seiner Versprechen
- Schule, Macht und Ressentiment
- „Alles ist sehr versöhnlich“
Wenn etwas 25 Jahre her ist, dann ist es durch den Schattenfall der zweieinhalb Folgejahrzehnte dermaßen blass geworden, dass es zu den Gegenständen der Zeitgeschichte gerechnet wird — einer Epoche, mit der ich mich auch hauptberuflich beschäftige. Es gibt mehrere kleinteilige Definitionen von Zeitgeschichte, die im verbreiteten Verständnis etablierter, vor meiner Generation geborener Historiker ungefähr mit dem Jahr 1945 beginnt. Neben aller Vagheit weist Zeitgeschichte ein wesentliches Merkmal auf: die Zeitgenossenschaft derer, die sie beschreiben und zu verstehen versuchen, weshalb im Englischen auch von Contemporary History die Rede ist. Nun gibt es immer weniger Zeitgenossen, die das Jahr 1945 noch miterlebt haben, so dass sich das Fenster der Zeitgeschichte auch dynamisch in Richtung der lebenden Zeitgenossen verschiebt und, nicht ohne Weh und Ach, von 1945 als „Stunde Null“ für Europa und besonders Deutschland flieht. Das Fenster legt sich zunehmend über die Jahre und Jahrzehnte, die ein großer Teil der Zeitgenossen noch selbst erlebt und hat erblassen sehen.
Und damit komme ich zum 25. Jahr vor heute, das mit dem Ende meines 45. Lebensjahres begann: dem Jahr mit der Zahl 2000, von der damals eine gewisse Magie ausging, deren einstige Zauberkraft seit langem verloren gegangen ist, und das aus irgendeinem Grund heute kaum große Aufmerksamkeit erfährt. Sieht man von den obligatorischen Rückblicken zum Ende des vergangenen Jahres ab, so findet sich in den Feuilletons erstaunlich wenig anlässlich der Tatsache, dass seitdem immerhin ein Vierteljahrhundert verstrichen ist. Ankerpunkt und Anlass der folgenden Auseinandersetzungen bildet das Jahrgangstreffen am 25. Juli 2025, das so gesetzt war, weil es das 25. Jubiläumsjahr unseres Abiturs und, zumindest meinem Fall, des Fortgangs einer ganzen Kohorte von Zeitgenossen bildete, deren Leben und Alltage bis dahin in Klassen, Kurse, Stundenpläne und zuletzt Leistungspunkteberechnungen mehr oder weniger durchorganisiert war. Das Abitur bildete eine Klimax, die bis zur letzten Prüfung als Teil des Gesamtrituals dermaßen raumeinnehmend war, dass eine Zeitgenossin in der Abi-Zeitung unseres Jahrgangs in ihrer Selbstauskunft unter der Kategorie Meine Interessen schrieb: „Bis 30.06.2000 Juni habe ich keine Hobbies“.

Obwohl sich viele Wissenschaftler dagegen verwehren, unsachliche Methoden und damit unwissenschaftliche Sprache zu verwenden, so arbeiten doch insbesondere Historiker geradezu ausufernd mit metaphorischer, uneigentlicher Sprache: Licht zu werfen auf ein historisches Dunkel ist so ein ganz häufiges Beispiel. Weil ich das Verstehen des Menschen für einen Vorgang des andauernden Übersetzens und Rückübersetzens halte, sehe ich in Bildreichtum und Metaphorik keineswegs zwangsläufig ein Problem, solange Maß, Bescheidenheit in der Erkenntnisbehauptung und natürlich eine gewisse Ästhetik gewahrt bleiben. Sobald, wie in diesen Texten, das zeitgeschichtliche Selbst im Zentrum steht, halte ich das Korsett rein wissenschaftlicher Sprache und Methode für einengend und ungeeignet, weshalb ich zu einer viel freieren Alternative zu den Methoden der Zeitgeschichte greife: dem Personal Essay. Wie ich bereits andernorts häufiger und genauer beschrieben habe, ist der Personal Essay eine Form, in der man wissenschaftliche Ansätze verfolgen kann, aber nicht muss, und der das Versuchen (nichts anderes bedeutet essay) im Gegensatz zur normierten Suche der Wissenschaftssprache (nichts anderes bedeutet la recherche oder research) inhärent ist. Mit jedem Essay, der immer wieder aufs Neue überstrickt, verworfen, neuformuliert und irgendwann doch auf einem Schreibblog landet, stellt sich aufs Neue die Frage: Wie beginnt man genau?
Ich versuche es einmal so:
Wir schreiben das Jahr 2004. Ich wohne seit zwei Jahren in Berlin. Davor habe ich zwei Jahre in Sarajevo gelebt. Alles, was mit der Schulzeit, dem Abitur und Franken zu tun hat, liegt da bereits wahnsinnig lange zurück. Für den recht häufigen Fall, dass mich im kosmopolitischen Berlin jemand fragt, wo ich herkomme (Where are you from?) , habe ich mir folgenden Satz zurecht gelegt: „I consider myself a Berliner.“ Dieser vagen Selbstverortung folgt oft ein umständliches Lavieren mit unterschiedlichen Identitätskategorien und Herkünften zwischen Deutschland, Franken, Bayern, Bosnien — abhängig von den jeweiligen Geografiekenntnissen des Gesprächspartners — eingeleitet mit „But actually, I come from (…)“.
Wo ich hingehöre, das ist mir in dieser Zeit schleierhaft, weil Hingehören für mich zu jener Zeit noch sehr viel mit Herkommen zu tun hat, obwohl ich genau diesen Zusammenhang auf einer expliziten Ebene verwerfe und zu umschiffen versuche. Herkommen und Herkunft, das hat eine räumliche und eine soziale Dimension. Während Ortswechsel und sogar kühnste Erwägungen diverser Auswanderungsszenarien in diesem Alter mit großer Leichtigkeit zu bewerkstelligen scheinen, verhält es sich mit der sozialen Herkunft viel komplizierter. Die streifst du nicht einfach ab, indem du in ein anderes Land ziehst oder dich an einer Uni einschreibst.
Oder ins Schwimmbad gehst. Ich liege in diesem Sommer häufig in einem Kreuzberger Schwimmbad auf der FKK-Wiese und tue so, als sei dies meine selbstverständlichste Routine. Halbstarke Jugendliche werfen ab und zu einen Ball oder eine Frisbee über den Sichtschutzzaun, was ihnen eine Begründung liefert, zwischendurch einmal auf die Wiese mit den Nackerten rennen zu können. Mir und den wenigen anderen Anwesenden ringt dies immer wieder ein Schmunzeln ab, obwohl ich vor kurzem noch eher diesen Jugendlichen ähnelte als meinem nackten Selbst im Prinzenbad: Ich hätte mich vor diesem Sommer doch wohl niemals freiwillig auf eine FKK-Wiese gelegt.
Aber jetzt war ich ja ein Berliner, und Berlin war der mit großem Abstand freieste Ort, an dem ich je gewohnt hatte. Seit jeher hing über dieser Stadt, paradoxerweise der Hauptstadt des (angeblich!) aufgeräumten und geregelten Deutschlands, der Mythos von Freiheit und Konventionslosigkeit. Hier konnte man nicht nur seine Gewohnheiten und Aussprache verändern, sondern sich Beheimatung, Mehrfachherkünfte und Lebenskonzepte so zurechtlegen, wie es einem passend erschien. Berlin erlaubt einem, so selbstgebastelte Studienfachkombinationen wie die meine zu studieren, die in diesen Jahren (sowie bis weit über meinen Abschluss hinaus) von meiner Mutter und anderen Verwandten immer und immer wieder nachgefragt werden: „Was studierst du noch einmal?“ Meine stets bereit liegende, mit jeder Äußerung auslaugende Antwort lautet: „Ich studiere im Hauptfach Osteuropastudien [mit den Schwerpunktdisziplinen Südosteuropäische Geschichte und Wirtschaftswissenschaft] an der Freien Universität und in den Nebenfächern Politikwissenschaft und Südslawistik an der Humboldt-Universität.“
Die FKK-Wiese ist eine Oase der Ruhe, und diese brauche ich auch. Bei gutem Wetter immer nur in die Bibliothek zu gehen wäre absurd gewesen, weshalb ich zwischendurch einen Ort im Freien bevorzuge, an dem ich nicht abgelenkt werde. In diesem Sommer beschäftige ich mich nämlich regelrecht zwanghaft mit einem einzigen, großen Leseprojekt, das mich vollständig in seinen Bann gezogen hat: die soziologischen Schriften von Pierre Bourdieu. Bin ich qua Herkunft überhaupt zu dem berechtigt, was ich mir da genommen habe aus dem Repertoire möglicher, schablonenloser Lebensentwürfe? Was, um Himmels willen, willst du denn mit einem solchen Studiengang einmal anfangen? Was wirst du? — werde ich aus den fränkisch-bosnischen Vergangenheitsdistrikten ganz besonders oft gefragt, ohne selbst je eine überzeugende Antwort zu kennen. Diese immer wieder unbequem anklopfenden Fragen, begleitet von der noch unbequemeren Gewissheit, dass Herkunft nie ganz abstreifbar sein wird, erscheinen mit Bourdieu nun wenigstens im Ansatz bewerkstelligbar. Gegen die nagende, ständige Entmutigung, die wahrscheinlich nur Klassenverräter kennen, war also ein höchstwissenschaftliches Kraut gewachsen1.
Es scheint vielleicht zunächst in eine ganz andere Richtung zu führen, den Rückblick auf den Sommer 2000 und das Ende der Schulzeit ausgerechnet mit dem Jahr 2004 und Pierre Bourdieu zu beginnen. Abitur und Fortgang aus Franken im Sommer 2000 — das mag die eigentliche Weichenstellung gewesen sein. Mit diesem Wendepunkt könnte ich jetzt anfangen, die Geschichte eines jungen Menschen als klassische Flucht in die Welt zu erzählen, vergleichbar einem klassischen Bildungsroman. Alles hinter der magischen Zahl 2000 ließe sich wie die Wanderjahre früherer Lehrgesellen auf Walz auffassen, von Außenstehenden meist Wandergesellen genannt; untereinander jedoch bezeichneten sie sich als Fremde oder Fremdgeschriebene, was mir persönlich besser gefällt. Philosophischer und weniger zielgerichtet gefasst könnte man den Weg (Yol) dieses jungen Menschen in den Worten des türkischen Barden Neşet Ertaş chronologisch mit dem Fortgang des Abiturs beginnen lassen und ihn als Reisenden (Yolcu) bezeichnen.
All diese tropischen Übertragungen, die hilfreich sein können, um sich selbst wie von außen betrachten zu können, haben natürlich ihre Berechtigung — und die gesamte Spanne zwischen jenem Fluchtpunkt 2000 und Rückkehr 2025 bleibt in den folgenden Auseinandersetzungen zentral. Trotzdem beginne ich diesen Text im „Bourdieu-Jahr“ 2004, weil der junge Mensch, um dessen Geschichte es hier geht, etwas überhastet zu seiner Reise aufgebrochen war.
Die ersten Jahre nach dem Aufbruch waren von einer ganz eigenen Logik der Raum- Zeit- und Selbstwahrnehmung geprägt, die jenem jugendlichen Alter vorbehalten zu sein scheint. Durch die immer neuen Entwicklungen und die allgemeine Dichte des Zeitraums fand der Reisende weder Zeit, um zu reflektieren, noch hielt er es für erstrebenswert oder bedauernswert, nicht jeden Schritt sorgsam abgewägt zu haben. Viel stärker als Abitur und Fortgang markiert das frühe Studium in einem damals unendlich entspannten Berlin den Anfangspunkt eines Verstehensprozesses, der mit vorher ungekannter Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit daran ging, Herkunfts-, Klassen- und Bildungsfragen sowie die eigene Rolle in der sozialen Welt zu reflektieren. Der Prozess des Reflektierens ist nichts, was je abgeschlossen ist — aber er ist eine Methode, die sich Fremdgeschriebene, Reisende, Wandergesellen aneignen und die sie schreibend oder künstlerisch systematisch lernen und ausbauen können. Im mindesten Fall können sie daran Gefallen finden, und wenn es ganz gut läuft, hilft es ihnen dabei, alte Knoten und Blockaden aufzulösen, und von einigen davon wird noch die Rede sein.
Der heutige Reisende fragt sich nach den ersten 25 Jahren des Fortgangs daher immer noch zwischendurch, wie fremd er sich und der Welt noch ist. Weiß der Lehrgeselle heute, welche Weichen er damals gestellt hatte, wohin er aufgebrochen war? Kennt er jetzt seine Richtung? Und wie sollte er sie sehen können, ohne die eigene Herkunft zu betrachten, so ungeliebt und problematisch sie lange gewesen sein mag? Und wenn er heute auf die frühen Wanderjahre zurückblickt: Fühlte er sich in seiner zurechtgelegten Welt — die weit, weit weg sein musste von Franken und der Lateinschule — nicht oft fremd und immer fremder?
- Diesen Begriff hat Didier Eribon vortrefflich in Rückkehr nach Reims verwendet, und auf Eribon werde ich noch zurückkommen. ↩︎
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5 Antworten auf „(1) Das fünfundzwanzigste Jahr“
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