- Einleitung: Das fünfundzwanzigste Jahr
- Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen
- Das Jahrgangstreffen in Zeil / Erster Teil
- Heitere Gespräche bei diffuser Traurigkeit
- Übergangsriten und das Jahr-2000-Problem
- Das Millenium beginnt am Chott el Djerid und hält keines seiner Versprechen
- Schule, Macht und Ressentiment
- „Alles ist sehr versöhnlich“
Nach den vier ersten Jahren der Reise bot die Beschäftigung mit Bourdieu so etwas wie einen Anker, der freilich erst einmal nach unten riss, letztlich aber einige Grundkoordinaten zu bestimmen half. Alles begann im April 2004 in einem Proseminar für Sozialwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin. Am Anfang des Seminars, gar nicht unähnlich zum Semesterbeginn im Leistungskurs Geschichte, wurden Referats- und Hausarbeitsthemen verteilt. Nachdem ich mich zusammen mit einer Kommilitonin für Pierre Bourdieu entschieden hatte, begann ich, mich auf ehrgeizige und rigorose Weise mit einem Text aus Zur Soziologie der symbolischen Formen auseinanderzusetzen.1
In dem Kapitel unter der Unterschrift Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis wird das Zusammenspiel zwischen der Herausbildung der symbolischen Formen in der gotischen Architektur des Mittelalters einerseits und der Rolle von Individuum, (klösterlicher) Bildungseinrichtung und kollektiver Ästhetik andererseits behandelt. Wie immer ging es Bourdieu dabei darum, weder die Rolle des Individuums überzubetonen, indem man die Rolle des Einzelnen losgelöst von der Gesellschaft als etwas durch und durch außergewöhnliches betrachtete, noch Gesellschaft und Kollektiv als überdeterminierend darzustellen. Bei Bourdieu sind beide Seiten unauflöslich miteinander verwoben, nämlich über den Habitus. Unter Habitus ist eine komplexe Gemengelage von Geschmack, Gewohnheiten, Kleidungsstil, Freizeit- und sogar Wahlverhalten, wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Entscheidungen und beruflichen Werdegängen und vielem mehr zu verstehen. Beide Seiten von Einflüssen, gesellschaftliche und individuelle Gewordenheit, werden durch Bourdieu teils ins Körperliche gehend beschrieben: Der Mensch inkorporiert sie. Wie es bei geistes- und sozialwissenschaftlichen Begriffen häufig der Fall ist, so ist auch der Habitus einer Vegetationsmetapher vergleichbar, nämlich dem Habitus eines Baumes.
Einen Habitus einzunehmen bedeutet aber nicht, dass Menschen dadurch wie ferngesteuerte Roboter funktionieren und keinerlei kreativen Spielraum ausfüllen können. So wird im Text auch ein Parvenü erwähnt, also ein sogenannter Emporkömmling, der qua Geburt ein ungebildeter Bauernsohn war. Dieser war als einziger seiner Geschwister von seinen Eltern in ein Kloster gegeben worden, wie es früher Gang und Gäbe war. Dort erhielt er eine Ausbildung, die Seinesgleichen unter allen anderen denkbaren Umständen niemals zugekommen wäre, denn ein allgemeines, modernes europäisches Schulsystem für alle gab es damals noch nicht. Indem der Schüler Einflüsse seines mitgebrachten Habitus mit dem neu Angeeigneten auf fruchtbare, kreative Weise verband, gelang es ihm, etwas quasi Neues in die Welt zu setzen.

Bildquelle: Bernard Lambert, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
Mir fiel es anfangs schwer zu erkennen, wie sich um gerade so eine Geschichte das Theoriegebäude eines soziologischen Großmeisters aufbauen sollte. Das hatte besonders damit zu tun, dass ich Seite für Seite immer wieder mit meinen Wissenslücken konfrontiert war. Ständig musste ich etwas nachlesen. Zwar war ich das erste Mal ernsthaft dankbar für elf Jahre Latein (und für Französisch sowieso), denn viele Begriffe erschließen sich tatsächlich leicht über die Lateinkenntnisse. Ich verfluchte aber ebenso oft die Schule, mich mit einem dermaßen schlecht ausgestatteten philosophischen Begriffsapparat durch das Abitur geschickt zu haben. Warum, um Himmels willen, mussten wir denn damals konsequent bis in die 13. Stufe in den Religionsunterricht, während das Fach Philosophie, das mir später eine echte Hilfe gewesen wäre, nicht existierte?
Wer auch nur einen von Pierre Bourdieus intellektuellen Schinken von Anfang bis Ende durchgelesen hat, wird sich mit Sicherheit daran erinnern, dass der Autor seine Schriften in einem Schreibstil verfasst hat, der alles andere als leicht zugänglich ist. Für mich ist es im Jahr 2004 das erste Mal, dass ich mich dermaßen systematisch mit dem Werk eines großen Denkers auseinandersetze. Bourdieus verschachtelte Relativsätze, die noch nachzuschlagenden, sich anzueignenden Begrifflichkeiten — im Jahr 2004 wird noch nicht alles schnell „nachgegoogelt“ — wirkten auf mich jedoch nicht abschreckend, sondern eher anspornend, herausfordernd und einladend. Ich war eindeutig hinter etwas her. Vielleicht hatten meine Hingabe in der Lektüre auch irgendwie mit meiner Liebe zur französischen Sprache zu tun, aus der heraus Bourdieu ja schrieb, die ich mir in der Schulzeit in ähnlich rigoroser Weise angeeignet hatte. Eine gewisse Ahnung jedenfalls, wieso die Geschichte des gebildeten Bauernjungen mit mir selbst und meiner Position auf dem Gymnasium zu tun haben könnte, schien durch den Text.
Ich würde Bourdieu später in diesem Sommer sogar mit in die fränkische Fabrik nehmen, wo ich wie fast jedes Jahr einen Ferienjob in der Produktion annahm. Ferienjobs in der Fabrik waren für die Arbeitgeber- wie Arbeitnehmerseite zunächst einmal eine Win-Win-Angelegenheit: durch die Feriensaison herrschte Arbeitskräftemangel, der von Bafög empfangenden Studenten ausgeglichen werden konnte, die ihrerseits froh waren, ihre finanziellen Löcher mit einem Mal annähernd stopfen zu können; sie waren außerdem begehrt und oft auch nur über Beziehungen zu bekommen. Dennoch waren diese Ferienjobs anstrengend für mich, wenn auch überhaupt nicht aufgrund der eigentlichen Tätigkeit in der Fabrik im Drei-Schichten-Betrieb; ich empfand sie als auslaugend, weil sie mich wochenlang in mein Herkunftsmilieu zurückwarfen, aus dem ich mich doch so entschieden freigekämpft hatte. Am liebsten waren mir die Nachtschichten, in denen es meistens ziemlich entspannt zuging und während der die große Pause endlos zu dauern schien.
Eine zeitlang hatte ich Gesellschaft von ein-zwei anderen Jobbern, aber immer hatte ich meinen jeweiligen Bourdieu-Schinken und einen Stift dabei und zog mich irgendwann an einen der Tische der weitgehend leeren Kantine zurück. Über zwei Jahre arbeitete ich außerdem in den gleichen Schichten wie ein älterer Arbeiter namens Thomas, der aus den USA kam und als GI in die zweitgrößte US-amerikanische Kaserne Westdeutschlands gekommen war. Er war in Schweinfurt hängengeblieben, auf die USA nicht sonderlich gut zu sprechen und hatte sich einen fränkisch-amerikanischen Akzent zugelegt, in dem er mir erklärte: „Ich hab a deutsche Fraa gheiert“. In diesen Jahren war die Fabrik sogar eine zeitlang Schauplatz größerer politischer Weichenstellungen für jene Partei, die später Teil der Linken sein würde, aber abgesehen davon befasste ich mich quasi in der Praxis der Erwerbsarbeit mit der Theorie von ökonomischem, kulturellem, sozialem, symbolischem und politischem Kapital, wie Bourdieu diese Kapitalia unterscheidet.
Meine Berliner Kommilitoninnen und Kommilitonen waren alles andere als eine homogene Gruppe, und ich konnte in den ersten Studienjahren vor allem drei Großgruppen unterscheiden: Kommilitonen (Jugos), Kommilitonen Deutsche (Ost) und Kommilitonen Deutsche (West).
Deutsche Kommilitonen (Ost) waren habitusmäßig den Kommilitonen (Jugos) ähnlicher als den Deutsche Kommilitonen (West). Mit den Jugos war alles einfacher, unkomplizierter, relaxter: Zafrkancija („sich necken“, „Schabernack treiben“) war im Umgang der entspannte Normalfall. Man stand draußen vor dem Osteuropainstitut der FU oder am Kaffee-Automaten des Sprachenzentrums der HU, rauchte, gab sich ohne zu fragen Zigaretten aus, unterhielt sich ungezwungen. Sowohl Kommilitonen (Ost) als auch Kommilitonen (Jugos) hatten nicht das Privileg, in eine fränkische Fabrik gehen zu können, was mich wiederum als Kommilitonen (West) auszeichnete; aber man war sich trotzdem irgendwie ebenbürtiger.
Die Kommilitonen (West) im engeren Sinn kamen allesamt aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern, was nicht unbedingt damit einherging, dass sie mir und den anderen gegenüber echte Bildungsvorteile besaßen. Dafür aber hatten sie umso mehr ökonomische Vorteile: Sie waren schlichtweg reicher. Sie besaßen ökonomisches Kapital. Während ich in den langen Pausen einer entspannten Nachtschicht in der Kugellagerfabrik Bourdieu las, ruhten sie sich wohl gerade in ihren Zelten auf einer Mittelmeerinsel von ihren Wanderungen aus. Ich konnte dank Bourdieus Studien besser verstehen, warum eine Berliner Freundin von bildungsbürgerlicher, westdeutscher Herkunft ständig so stark betonte, warum ihr welche Lebensmittel von welcher Qualität so wichtig waren und weswegen sie andere nie anrühren würde — und warum sie es außerdem, ohne es je zu thematisieren, nicht nötig hatte, in den Semesterferien einen Fabrikjob anzunehmen. Es war einem vorher schon irgendwie klar, dass Geschmacksfragen mit sozialer Herkunft und ökonomischen Voraussetzungen zusammenhingen — doch die Begrifflichkeiten lieferte damals Bourdieu.
In späteren Gesprächen würde ich erfahren, dass auch die Kommilitonen (West) alle irgendwann Bourdieu gelesen hatten. Das Wort Habitus bauten sie viel geflissentlicher als ich, so schien es mir, in ihre sozialkritischen Gespräche ein; über sich selbst dachten sie in der Kategorie „alternativ“. Alternativ war damals ein noch unbesudeltes Wort, das einen gewissen Lifestyle beinhaltete. Alles daran war ein zur Schau getragenes Understatement: Man kleidete sich khaki, dunkelviolett, second hand, in Kapuzenpullis, trug aufgenähte Slogans (z.B. „Refugees welcome“ — ohne je Refugees in letzter Konsequenz aufgenommen zu haben), wohnte in unaufgeräumten WGs, war polyamourös (aber heterosexuell), hatte sehr klare Vorstellungen von Anständigkeiten in politischen Fragen. (Ich habe eine genauere Milieubeschreibung in einem älteren Beitrag auf DUNYALOOK geschrieben und werde ihn beizeiten einpflegen)
Alternativ zu mir begnügten sich die meisten von ihnen mit ein, zwei Texten aus einem Uni-Reader oder, wie man es damals nannte, aus dem Handapparat. Im Denken eines Emporkömmlings „in the making“, der ich damals ohne jeden Zweifel war, wird die vergleichsweise oberflächliche Auseinandersetzung bildungsbürgerlicher Leserinnen und Leser keineswegs als deren Defizit ausgelegt: Es musste wohl an mir und meinen kurzen Leitungen gelegen haben, weshalb ich — im Gegensatz zu ihnen — so viel genauer, so viel ausführlicher nachlesen musste.
In der Folge und in Vorbereitung einer nie abgegebenen Hausarbeit über Pierre Bourdieu begann ich, alle seine Texte, derer ich habhaft werden konnte, klein für klein auseinanderzunehmen, wie auf einem sprachlich-kognitiven Seziertisch. Kein einziger Absatz blieb sich selbst überlassen, kein philosophischer Begriff unergründet. Ich ließ unglaublich viel Geld für immer neue Bücher im Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße, das mir zu einer Art zweitem Wohnzimmer wurde. Es mussten unbedingt neue Bücher sein: Nur neue Bücher trugen die eindeutigen Spuren der Unberührtheit, die man über extreme Hingabe, abermaliges Blättern und Nachschlagen mit den Spuren der Gelesenheit versehen konnte. Mit ausführlichen Bleistiftkommentaren in akkurater Handschrift, mit farblichen Markierungen und großen Ausrufezeichen würde ich diese Texte und Bücher gewissermaßen inkorporieren.
Wenn ich mit einem Buch samt aller Fußnoten endlich durch war, fühlte ich mich wie berauscht. Ich las Die feinen Unterschiede, Das politische Feld, Ein soziologischer Selbstversuch, Sozialer Sinn, Entwurf einer Theorie der Praxis. Auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft — und insbesondere seine Schriften über das französische Bildungssystem wie Homo academicus, Der Staatsadel sowie alle Texte über Armutseffekte, die höhere Bildung unwahrscheinlich machen, interessierten mich. In diesen Texten fand ich meine eigene soziale Herkunft und meine Außenseiterrolle an der Schule oft genug wieder. Sehr lange würde ich von der Bourdieu-Droge nicht mehr loskommen — denn der Autor hatte einschüchternd viel geschrieben.
Seine Arbeiten lehrten mich auf eine ermutigende Art und Weise, dass auch ich aus einem sozialen Nachteil heraus aufgebrochen war, obwohl es mir immer gegen den Strich ging, mich als unterprivilegiert oder gar als „Opfer“ der bestehenden Verhältnisse zu sehen. Trotzdem sah ich, dass ich mir tatsächlich mehr Arbeit als andere gemacht hatte und auch machen musste — und dass das jahrelange Außenseitergefühl einen realen Grund hatte. Ich verstand jetzt viel besser, was meine Eltern gemeint hatten, als sie mir und meiner Schwester beim Übertritt auf das Gymnasium einschärften, dass wir uns selbst helfen mussten. Genau für dieses Verständnis und dieses Bedürfnis, es in Worte fassen zu können, ging ich im Sommer 2004 ins Schwimmbad: Ich ging vielleicht auch aus dem Drang heraus dorthin, alte Gewohnheiten und soziale Schamgrenzen wie lästige Klamotten abzustreifen. Unbewusst verfolgte ich dabei aber in erster Linie immer das widersprüchliche Ziel, mich einerseits möglichst weit vom Jahr 2000 und der Lateinschule zu entfernen, um mich ihr auf einer abstrakten Ebene wieder anzunähern. Es stimmte: Ich wollte mich von all dem absetzen — doch gleichzeitig tat ich das, um meine frühere Rolle im sozialen Gefüge der Schulzeit aus größtmöglichem Abstand besser verstehen zu können als je zuvor.
Referenzen (Auswahl)
Bourdieu, Pierre (2013): Politik (Schriften zur Politischen Ökonomie 2). Berlin: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in : Soziale Welt, Sonderband 2. Kreckel, Reinhard (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen 1983, S. 183-198.
Bourdieu, Pierre: Social Space and Symbolic Power, in: Sociological Theory, Vol. 7, No. 1 (Spring, 1989), pp. 14-25.
Bourdieu, Pierre (2004): Algerian landing, in: Ethnography (SAGE London, Thousand Oaks, CA and New Delhi) Vol 5(4): 415–443.
Bourdieu, Pierre (2013). Outline of a Theory of Practice. Cambridge: Cambridge University Press.
Haselbusch, Inken (2014): Norbert Elias und Pierre Bourdieu im Vergleich. Eine Untersuchung zu Theorieentwicklung, Begrifflichkeit und Rezeption. (Dissertation der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe).
Fußnoten
- Für einen Einstieg in die Bourdieu-Lektüre ist dieser enorm voraussetzungsvolle Text eigentlich gar nicht zu empfehlen. Unser Dozent hatte mir und meiner Ko-Referentin übrigens fälschlicherweise ausgerechnet diesen viel zu anspruchsvollen Text ausgesucht, der als Grundlagentext eines Proseminar-Referats, unter allen anderen verfügbaren Texten, seiner eigenen Aussage nach der absolut ungeeignetste war. Er setzt sich in diesem Text im Großen und Ganzen mit dem Werk des Kunsthistorikers Erwin Panofsky auseinander, der wie Bourdieu den Begriff Habitus verwendet. ↩︎

5 Antworten auf „(2) Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen“
[…] (2) Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige KlassenfragenAugust 12, 2025 […]
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