- Einleitung: Das fünfundzwanzigste Jahr
- Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen
- Das Jahrgangstreffen in Zeil / Erster Teil
- Heitere Gespräche bei diffuser Traurigkeit
- Übergangsriten und das Jahr-2000-Problem
- Das Millenium beginnt am Chott el Djerid und hält keines seiner Versprechen
- Schule, Macht und Ressentiment
- „Alles ist sehr versöhnlich“
Im Bourdieu-Jahr 2004 lag natürlich objektiv betrachtet gar nichts „wahnsinnig lange zurück“. Das Abitur, diese ach so wichtige Wegmarke, auf die man sich jahrelang vorzubereiten hatte, war gerade vier Jahre her. (Im Buchtext folgen noch ein paar Ausführungen zu den „rites de passage“ nach van Gennep, aber das spare ich hier aus.) Was wurde doch für Angst und Schrecken vor diesem Prüfungsritual verbreitet. Und dann war es auf einmal vorbei und ließ uns fortgehen — einfach so. Im Nachhinein betrachtet erscheint es mir vollkommen kohärent, dass ich am Tag nach der Abiturverabschiedung tatsächlich fortgegangen bin. Während meine späteren bosnischen Freunde gerade ihre Matura machten und darüber reif wurden, bedeutet das in Deutschland gebräuchliche Wort Abitur nichts anderes, als dass man fortzugehen hatte: abire, fortgehen. Abiturientin, Fortgängerin. Heute, also während ich diese Zeilen schreibe, hat sich der gesamte Blick auf diese Zeit wieder grundlegend geändert. Es ging beim 25-jährigen Abi-Treffen offenbar niemandem mehr, auch mir nicht, ums Fortgehen, und nach Franken zurückzukehren — wenn auch nicht dauerhaft — bewirkt bei mir schon lange kein Unbehagen mehr. Kommen wir also endlich zurück zum Abend des 25-jährigen Jubiläums unseres Abiturs oder, genauer gesagt: unseres Jahrgangs. Denn glücklicherweise waren immerhin ein paar Leute anwesend, die die Kohorte vor dem Abitur verlassen hatten und trotzdem dazugehörten.
Das Jahrgangstreffen fand im wahrscheinlich bekanntesten und beliebtesten Biergarten des gesamten Landkreises statt: im Göller in der Kleinstadt Zeil am Main. Die Kleinstadt ist weit und breit bekannt für ihre Fachwerkarchitektur, ihre Lage an relativ steilen Maintalhängen mit Weinbergen, ihre sommerlichen Feste, die längst geschlossene Zuckerfabrik, ihr legendäres, kleines Kino Capitol, das sogenannte Käbbele (eine pittoreske Walfahrtskirche) auf dem Hausberg der Stadt, sowie die Hexenverfolgungen und -Ermordungen bis weit hinein in die frühe Neuzeit. Wir hielten uns nur im Außenbereich des Biergartens auf, der in etwa ein Quadrat abbildet und auf der einen Seite durch das alte, gelbe Sandsteingerütsch der historischen Stadtmauer eingefasst ist. Für unsere zirka 60 Personen große Gruppe war ein gefühltes Fünftel der Hoffläche reserviert, das sich glücklicherweise unter einem Dach befand, welches uns gegen den Juli-Monsun mit seinen plötzlichen, wenn auch kurzen Schauerereignissen abschirmte. Wir hatten Tisch- und Bankreihen für Kleingruppen von ungefähr 12 Personen reserviert.

Die wenigste Zeit saßen wir. Ein nicht dazugehörendes Paar am Nebentisch kippte sich einen Steinkrug Göller-Bier nach dem anderen hinter die Binde und verfolgte das Treiben unserer Gruppe mit gedämpftem, aber doch neugierigem Interesse. Als das außenstehende Paar ganz ordentlich einen im Tee hatte, fragten sie mich, wer oder was wir eigentlich seien, also: so als Gruppe. Sie tippten ganz richtig auf Jahrgangstreffen. Unser Kommunizieren zeigte gewisse Ähnlichkeiten mit einem brummenden Bienenschwarm. Wie die Frau des Paares etwas umnebelt feststellte, produzierten wir eine recht ordentliche, dauerhafte Lautstärke. Durch unser ständiges Stehen und Gehen müssen wir so eine Art Spektakel für Außenstehende gewesen sein, und für die blutjungen Servicekräfte und Bedienungen eine fürchterliche Herausforderung. Ich hatte mir den Ablauf des Abends tatsächlich fast genauso vorgestellt — vielleicht mit dem Abstrich, dass ich die erstaunliche Leichtigkeit, mit der Gespräche einfach angefangen, dann ohne Rechtfertigung wieder unterbrochen und nach Belieben fortgesetzt werden konnten, nicht ganz so hatte kommen sehen.
Als ich eintraf, war der Großteil des Bienenschwarms schon anwesend. Ich arbeitete mich smalltalkend, begrüßend, oft auch umarmend allmählich vor bis zu den hintersten Waben des Biens. Dort saß ein Kollegiat entspannt und sonor surrend am Tisch. Seit einer gemeinsamen Frankreich-Reise bewunderte ich seine fotografischen Geschicke, was mich motivierte, mir die erste Spiegelreflexkamera anzuschaffen, die mir ein paar Jahre später in Bosnien geklaut werden würde. Irgendwie hatten wir uns über die Oberstufe entfremdet, was in diesem Alter etwas völlig normales war, aber seinen Bildern im WWW folge ich immer noch mit Interesse. Am selben, hintersten Tisch befand sich auch eine Kollegiatin aus dem Französisch-LK, die ich im Sommer 2007 während meines ersten Istanbul-Jahrs völlig unerwartet inmitten der Menschenmassen der İstiklal-Straße stehen sah, als sie sich gerade auf dem Weg in den Iran befand. An diesem hintersten Tisch des Bienenkorbs angekommen, war ich erst einmal dermaßen erschöpft und maulfaul, dass ich mir ohne viel Federlesens eine Currywurst bestellte, während parallel dazu noch die Unterschiede und Beschaffenheit von Knöchla und Schäuferla für die nächste Bestellung erörtert wurden. Faszinierenderweise kamen alle Bestellungen extrem sofort und wurden von den freundlichen und geduldigen Angestellten (die vielleicht gerade einen Ferienjob machten?) in einer Professionalität serviert, die in Berlin vergeblich ihresgleichen sucht, wo Gaststätten oft von unfähigen, arroganten und unmotivierten Netflix-Figuren betrieben werden. Nach der Currywurst und einem kurzen, heftigen Monsunguss war ich wieder so gestärkt, dass ich den Parcours durch den Bienenkorb in die umgekehrte Richtung wiederaufnehmen konnte.
Das Kommunizieren an sich hatte ritualhaften Charakter mit wiederkehrenden Fragen nach den Essentials: 1) Was machst du von Beruf? Meist wurde diese Frage auch noch mit einem Rückblick auf das Studium und Auskünften zum weiteren Bildungsweg beantwortet. 2) Wo wohnst Du? Diese Frage wurde oft mit einer Abfolge unterschiedlicher Wohnorte beantwortet, wobei mir schien, dass es besonders nach Franken zurückgekehrten Menschen wichtig schien zu betonen, wie oft und wo sie zuvor gewohnt hatten. Unter den illustren Wohnorten rangierten Neuseeland, USA, Zypern, Niederlande u.a. oder auch Studienstädte in Deutschland. Die absolute Merhheit hatte einen süddeutschen Wohnort, viele waren in Bayern, sehr viele in der Region geblieben oder dorthin zurückgekehrt. Familienstand und Anzahl der Kinder wurden gleich mit abgeklärt.
Die dritte Frage, die zumindest ich ganz oft zu hören bekam, weil ich ja in repeat zu sagen hatte, dass ich seit 23 Jahren in Berlin wohnte (wenn man die zirka dreieinhalb Jahre Türkei und Bosnien dazwischen dazuschlug), lautete: Bist du noch oft in Franken? Weil unsere Updates grundsätzlich ins Jahr 2000 zurückführten, ergänzte ich meistens noch, dass ich seit 25 Jahren nicht mehr in Franken wohnte, wenn man die zwei Jahre Bosnien vor Berlin miteinberechnete. „Früher so selten wie möglich, inzwischen wieder gerne und auch so oft es sich eben einrichten lässt, in Corona teils sogar monatelang“, lautete meine Antwort grob zusammengefasst. Ein Kollegiat, der in Nürnberg wohnte, stellte mit blitzenden Augen fest: „Das heißt ja, du wohnst schon viel länger nicht mehr hier, als du jemals hier gelebt hast!“ Richtig. An dieser Relation ließ sich wiederum gut erkennen, wie prägend die ersten 20 Jahre und die Erinnerungen trotzdem sind, und dass sie es wahrscheinlich auch für immer bleiben würden, egal wie viele Jahre der Abwesenheit und andere Erfahrungen sich Schicht um Schicht darüber legen würden. Ob man es wollte oder nicht: Die frühen Jahre sedimentierten über den Druck der Folgejahrzehnte immer weiter zu einem Fundament, das wie das alte, gelbe Gerütsch aus fränkischem Sandstein in der Wand des Biergartens hie und da zu Tage trat.

Eine besonders enge Schulfreundin, mit der ich eine zeitlang so etwas wie ein besonders unter labilen Lehrkräften gefürchtetes Tandem als enfants terribles gebildet hatte, ließ sich trotz aller Bemühungen nicht überreden, zu erscheinen, und ihre Gründe respektiere ich natürlich. Trotzdem wusste ich mit Sicherheit: Sie würde sich früher oder später bei mir melden und sich nach dem Verlauf des Abends erkundigen. Und genau so kam es auch. In der ihr eigenen Neugier fragte sie mich, was mich am meisten überrascht hätte. Eine gute Frage! Doch wo fange ich nur an? Wo es schon schwierig ist, meine Eindrücke von der 25-jährigen Jahrgangsfeier überhaupt irgendwie zu sortieren, da ist es noch schwieriger, irgendwelche Prioritäten zu setzen. Am Ende weiß ich immer noch nicht, ob mich überhaupt irgendetwas ernsthaft „überrascht“ hat.
War es der unangefochtene Beau des Jahrgangs, von dem auch in der Abi-Zeitung überliefert ist, Schülerinnen wie Lehrerinnen hätten ihn damals mit den Augen verschlungen — und der in seiner heutigen Imago nicht mehr so recht mit der alten Ikone übereinstimmen wollte? Ich erkannte ihn wirklich erst sehr spät an dem Abend wieder. Ich sollte vielleicht dazu schreiben: Unser schönster Abiturient war keineswegs hässlich geworden. Er hatte im zurückliegenden Vierteljahrhundert lediglich eine ganz normale Metamorphose durchgemacht, über die er vom betörenden Adonis zu einem normal-sterblichen Mittvierziger geworden war.
Es gab auch den gewissermaßen umgekehrten Fall — so bei einer Frau, mit der ich denselben Leistungskurs besuchte und die ich beim besten Willen nicht wiedererkennen konnte. Ich fragte eine andere Kollegiatin, die ich wahrscheinlich auch in einhundert Jahren noch wiedererkannt hätte und die sich äußerlich tatsächlich kaum verändert hatte — was übrigens eine weibliche Eigenschaft zu sein scheint: sich teilweise nach 25 Jahren kaum äußerlich verändern oder altern zu können. Die sofort wiederzuerkennende Kollegiatin half mir auf die Sprünge, obwohl auch sie sich nicht eindeutig sicher zeigte. Die Kollegiatin mit dem stark veränderten Äußeren hatte jedenfalls in ihrer heutigen Reife eine vollkommen neue Schönheit entfaltet, was ich ziemlich beeindruckend fand.
Viele von uns sind heute im Vergleich zu früher gut beieinander oder auch fernannaganga („voneinander gegangen“), wie in derbem Fränkisch Gewichtszunahme paraphrasiert werden kann. Einigen hingegen ist es gelungen, ihr Gewicht über ein Vierteljahrhundert hinweg entweder zu halten oder wiederzuerlangen. Manch Eine war in Würde ergraut, manch Anderer trug nun einen Kranz aus Fältchen um die Augenpartie. Ein Schulfreund aus der Unterstufe, der ein paar Jahre vor dem Abitur die Schule gewechselt hatte, zeigte sich großzügig tätowiert, fernannaganga und war ebenfalls nicht auf Anhieb zu erkennen. Ein einstiger Hänfling war nun eher ein Rundling. Ich freute mich ganz außerordentlich, eine Freundin wiederzutreffen, die wie unser tätowierter Mitschüler ein paar Jahre vor dem Abitur die Schule verlassen hatte und mit der ich mich erst so richtig während des Frankreich-Austauschs befreundet hatte. Ich unterhielt mich sehr gut mit einer weiteren Freundin, die ich über die Jahre aus den Augen verloren hatte und die jetzt mit einem Mitschüler aus unserer Stufe verheiratet war. Ihren Mann hätte ich früher nie mit ihr in Verbindung gebracht, weil beide in je völlig unterschiedlichen Gruppen unterwegs gewesen waren. „Er war früher Bauernhof“, pflichtete mir die Freundin augenzwinkernd mit Blick auf ihren Mann bei. Beide gaben jedenfalls ein ausgesprochen schönes und sympathisches Paar ab. (Auf Gruppen wie Bauernhof, Schleimer, Pavillon-Underdogs u.a. komme ich noch zurück.) Von manchen anderen wusste ich, dass sie in den vergangenen Jahren harte Verluste hinzunehmen hatten — und mir schien, dass sie einen Abdruck davon mit sich trugen. All das fand ich allerdings gar nicht überraschend, um noch einmal die Frage der Freundin aus dem Off zu beantworten.
Tatsächlich überraschend war das ein oder andere Gespräch mit Personen, mit denen ich vor 25 Jahren nie so etwas wie wechselseitiges Interesse für möglich gehalten hätte. So führte ich eines der längsten Gespräche an diesem Abend ausgerechnet mit einem Kollegiaten, mit dem ich mich vorher nie unterhalten hatte. Wie ich hatte er sich im Studium einige Zeit in der Türkei aufgehalten, was uns außergewöhnlich ergiebigen Gesprächsstoff bot. Vielleicht war aber auch die Begegnung mit der Organisatorin der Veranstaltung überraschend, zu der ich früher eine eher angespannte Beziehung bis hin zur ausgesprochenen, wechselseitigen Aversion pflegte — und die ich an diesem Abend am liebsten noch einmal geknuddelt hätte?
Coverbild-Attribution:
Tobit81, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

4 Antworten auf „(3) Das Jahrgangstreffen in Zeil“
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