- Einleitung: Das fünfundzwanzigste Jahr
- Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen
- Das Jahrgangstreffen in Zeil / Erster Teil
- Heitere Gespräche bei diffuser Traurigkeit
- Übergangsriten und das Jahr-2000-Problem
- Das Millenium beginnt am Chott el Djerid und hält keines seiner Versprechen
- Schule, Macht und Ressentiment
- „Alles ist sehr versöhnlich“
Unfassbarerweise hatten es mindestens drei der schlank gebliebenen Mittvierziger auch noch geschafft, ihr Abi-Shirt aufzubewahren und zu tragen. Kein anderer Eindruck an diesem Abend unter den zirka 60 ehemaligen Mitschülern hat bei mir jedenfalls ein vergleichbares Déjà-vu erzeugt wie dieses schwarze Polo-Shirt mit weißem Aufdruck an den Leibern der Kollegiaten. Mehr als alles andere versetzte mich dieser Anblick zurück in den Sommer 2000. Ich erinnere mich, es im Sommer 2000 gerne, oft und stolz getragen zu haben — sogar noch in Bosnien, wo es etwas deplatziert wirken musste. Ich weiß noch genau, dass mir das Shirt wie angegossen passte, von robuster Qualität war und zu jedem casual dress passte. Ich trug es tatsächlich mit Stolz, weil sich das Abi mit der guten Gesamtnote wie eine echte Leistung anfühlte. Irgendwo in den geheimen Tiefen meines Ego-Archivs befindet sich ein Bild von mir, das mich in diesem Shirt in der lokalen Zeitung Bote vom Haßgau zeigt, für die ich nach einer Sommeraktion für Schüler einige Jahre als freier Mitarbeiter schrieb. Mit dem Artikel versuchte ich, meinen Unterstützerkreis für den Freiwilligendienst in Bosnien zu erweitern und Verständnis zu schaffen, warum der Bosnieneinsatz so wichtig war und weshalb man mich mit einer monatlichen Ratenzahlung an die Entsendeorganisation unterstützen sollte. Ich weiß nicht, wann und mit welchem meiner vielen Umzüge das Shirt schließlich aus meiner Garderobe verschwand. Jedenfalls war die Erinnerung daran bis zu diesem Anblick durch mein aktives Gedächtnis komplett stillgelegt.
Das grafisch umgesetzte Motto der Abi-Zeitung, die ich vor dem Abend unseres Treffens nach langer Zeit wieder einmal in die Hände genommen hatte, befindet sich dort in verkürzter Variante. Dreizehn Spermien (ergo: Schuljahre) bewegen sich neben einem Raumschiff im Weltall auf ihrem Weg in die Zukunft, die symbolisch durch einen Planeten umgesetzt ist, auf den sie zufliegen, und der wohl als Eizelle gedeutet werden kann. Von der Spermien-Eizellen-Allegorie mag man halten, was man will, doch alles in allem ist den Schöpfern dieses grafischen Mottos (zu denen ich nicht zähle) heute mehr denn je zu gratulieren. Metaphorik und Allegorik auf diesem Cover sind aus heutiger Sicht dermaßen dicht beschreib- und interpretierbar, wie es damals natürlich gar nicht bezweckt war. Eher beiläufig ist wohl ein allgemein verbreiteter Zeitgeist rund um die Zahl 2000 auf das Cover geraten. Heute fordert dieses symbolschwangere Bild — um die Spermien-Allegorik weiterzudenken — geradezu auf, sich mit der Masse optimistischer Botschaften hinter der Zahl 2000 noch einmal etwas genauer zu beschäftigen.

Zunächst ist die zentrale Botschaft ganz simpel: Wir waren schließlich der Millenniums-Jahrgang — daher auch die Unterschrift: „Wir sind die Ersten“. Zumindest an unserem Schulzentrum waren wir fraglos tatsächlich die ersten Abiturienten des neuen Jahrtausends, und diesen Status würde uns nie wieder irgendjemand streitig machen können. Die Zahl 13 wäre vielleicht sinnvollerweise noch um ein, zwei weitere Spermien erweiterbar, denn einige von uns hatten mehr als 13 Jahre auf der Schule verbracht. Das Raumschiff symbolisiert die Schulzeit als eine Reise hin zu einem Planeten, der nicht die Erde ist und als Wanderziel verstanden werden kann.
Wollte man den letzten Abschnitt der Schulzeit-Reise, der in der ersten Zeile mit dem Zeitraum 1998-2000 eingefasst ist, in den ethnologisch-anthropologischen Begriffen von Arnold van Genneps Übergangsriten (rites de passage) deuten, dann könnte man in der Symbolik des Covers sowie im Inhalt der Abi-Zeitung, die wie ein Logbuch der Reise angelegt ist, Trennungsriten (rites de séparation), Übergangs- oder Schwellenriten (rites de marge) sowie „Angliederungsriten“ (rites d’agrégation) erkennen. Die Vereinigung der Spermienzellen mit der Eizelle ließe sich demnach mit der Erreichung eines neuen Zustands — um nicht zu sagen: mit einer Ausgeburt unserer damaligen Zukünfte und heutigen Gegenwarten — deuten.
Die Trennungsriten wären durch das Verlassen des Klassen- und Notensystems nach der Jahrgangsstufe 11 und durch den Eintritt in das Kollegstufen- und Leitsungspunktesystem ab der 12. Jahrgangsstufe beschreibbar. Die Kollegstufe insgesamt ließe sich als liminale Zone des Übergangs zu verstehen, begleitet von Schwellenriten zum Ende der Semester, die nun die Logik des Schuljahres ersetzten. Die eigentlichen Angliederungsriten in die Welt der potenziellen Akademiker mit der Zugangsberechtigung zur Hochschulbildung oder Hochschulreife können durch die Abi-Zeitung nicht ganz erfasst werden, weil sie hinter dem Erscheinungsdatum der Publikation liegen; hier ist dagegen der eigentliche Initiationsritus in Gestalt der Prüfungen und des Kulminationsrituals der Abiturverabschiedung sowie des Abiturscherzes angedeutet. Auch das Erstellen einer Abi-Zeitung ist ein traditionelles Ritual einer „erfundenen Tradition“. Achso, und bevor ich es vergesse: natürlich ist hier im Grunde nichts anderes als das Wachstumsideologem der spätkapitalistischen Phase inbegriffen.
Wenn wir heute auf irgendein Dokument das aktuelle Jahr setzen und dieses mit einer 20 anstatt einer 19 beginnen, ist das nur noch banal und fühlt sich nicht so seltsam an wie kurz nach dem Jahreswechsel 1999/2000. Damals war man erleichtert, dass nicht oder nur in einem harmlosen Ausmaß passiert ist, was befürchtet wurde: das, was in einem eigenen Wikipedia-Eintrag unter dem Jahr-2000-Problem beschrieben ist, nämlich ein Zusammenbruch der bestehenden Computersysteme. Die Zahl 2000 war also irgendwie ambivalent, aber dominant war eine eher euphorische Stimmung. Die „magische Zahl 2000“, die wie keine andere künftige Jahreszahl lange vor ihrem Eintreten als Chiffre von Futurismus aller Art daherkam, Werbe-Slogans jeder Couleur propellierte und genau wie billige Werbung vor falschen Versprechungen nur so strotzte — sie ist heute eine Angelegenheit der Zeitgeschichte. Die Zahl 2000 wirkt heute nicht nur schlicht und einfach „veraltet“, sondern ein bisschen wie eine ausgediente Wünschelrute, der man ihre Unwirksamkeit wissenschaftlich nachweisen konnte.
Vor einigen Wochen führte ich ein längeres Gespräch mit dem FSJ-ler an meiner Arbeitsstelle, der viel reifer denkt und spricht als die meisten seiner Altersgenossen. Darüber kann man leicht vergessen, dass sein Geburtsjahr bereits deutlich nach der magischen Zahl 2000 liegt. Als er sein Geburtsjahr schließlich erwähnte, ging mir ein Vergleich durch den Kopf: Was für unsere Generation die Eighties und Seventies bedeuteten, das müssen für seine Generation die Nuller und Nineties sein — also „wir“. War das nicht erschreckend? Wir, also ich, musste in seinen Augen ein vergleichbar „alter Sack“ sein wie es für uns damalige Mittvierziger eben auch waren — und die galten ohne wenn und aber als „alt“.
Erinnerungen korrelieren nicht nur besonders eng mit Orten und Objekten, auf die sich beziehen können, sondern auch mit Gerüchen und Klängen. Ein anderes Mal fiel mir in der Oberflächenwelt rund um die Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain auf, dass in der sogenannten Gen Z offenbar eine meiner Lieblingsbands der 90er gehört und gecovert wird: The Fugees. In einem Anflug von Selbstgefälligkeit tat mir diese Generation plötzlich sehr leid: Hatte ihre bescheidene Musikwelt denn irgendetwas hervorgebracht, das den Vergleich zu The Fugees, Rage Against the Machine oder gar Nirvana nicht scheuen musste? Wie muss es wohl sein, ganz ohne MTV und das Genießen nicht-vorspulbarer, extrem aufwendig gestalteter Videoclips von Björk aufzuwachsen? Auch Nirvana-T-Shirts sieht man inzwischen wieder relativ häufig unter den Konsumtouristen der Warschauer Straße, was aus meiner Geschmackswarte natürlich nur zu begrüßen ist. Doch was war das damals eigentlich für eine Zeit, an die alles zwischen Fugees und Nirvana anknüpft, und wie könnte man den Zeitgeist — wie stark verbrämt und subjektiv beschrieben auch immer — im Rückblick einfangen?

Die wenigsten denken wahrscheinlich noch zurück an die futuristische Stimmung, die vor und kurz nach der Jahrtausendwende allgegenwärtig war. Suchte man nach historischen Analogien zu diesem Zeitgeist, so läge es wahrscheinlich am nähesten, einen Vergleich zur zurückliegenden Jahrhundertwende zu ziehen. In der Kunstgeschichte, aber auch schon in französischen Zeitschriften ab den 1880er Jahren, taucht der Begriff Fin de siècle auf, also „Ende des Jahrhunderts“. Folgt man den Beschreibungen des damaligen Zeitgeists, so unterschied er sich nicht nur in der Bezeichnung grundsätzlich von jenem Zeitgeist, wie ich ihn aus den mittleren und späten 1990er Jahren in Erinnerung habe: Ging es zur letzten Jahrhundertwende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung um das Gefühl der Dekadenz und einer bevorstehenden Katastrophe, die mit dem Ersten Weltkrieg schließlich eintreten würde, so war die allgegenwärtige Stimmung am Übergang zum dritten Jahrtausend auf bejahende Weise in die Zukunft gerichtet. Ich meine damit natürlich den Mainstream — was kein Widerspruch ist zur No-Future-Attitüde der Grunge-Bewegung, der traumatisierten Atmosphäre in kriegsgebeutelten Ländern wie Bosnien, oder gar zu den „blühenden Landschaften“ im Osten Deutschlands.
Auch damals gab es allerlei Verschwörungstheorien und einen platten Katastrophismus, aber vorherrschend waren doch die optimistischen Verheißungen des neuen Milleniums, so zum Beispiel im Motto der Expo 2000 in Hannover: „Mensch, Natur und Technik – Eine neue Welt entsteht“.

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Ich gab schon damals nicht allzu viel auf diese Verheißungen, denn durch die Geschehnisse in meiner Familie und meine Freundschaften zu Menschen aus dem sogenannten Globalen Süden hatte ich weitaus ernüchterndere Einblicke in das Geleit der Welt. Heute stellt sich das alles, also der billige Zukunftsoptimismus rund um dei Zahl 2000, nur noch wie heiße Luft dar, was man so wörtlich (Klimaerwärmung) wie übertragen lesen kann. Ich zitiere, leicht abgeändert, aus einem älteren Klima-Essay, den ich im Herbst 2021 unter der Überschrift Morbide Wiesen geschrieben hatte, in dem ich schon einmal einen Blick zurück gewagt hatte. Ganz im Gegensatz zur oben formulierten Selbstgefälligkeit mit Blick auf die Gen Z tat mir in diesem Text unsere Generation leid:
Für unsere Generation war nichts als das reine Glück vorhergesagt worden. Heimlich tut mir unsere Generation immer leid: sinnlos wurden wir durch mehrererlei Wenden getrieben; dahinter lägen Hoffnung, Zukunft und natürlich Frieden. Wir durchschifften die Roaring Nineties, irrten dem Ende der Geschichte entgegen, sollten Entrepreneurs werden und Start-ups in irgendwelchen Garagen gründen. Wir würden alles ein bisschen besser, entspannter und auch noch gesünder machen als die Mad Men vor uns. Wir wären zwar nicht die ersten, die mit ihrem Unternehmen Kondome produzieren würden: aber wir würden gewiss die ersten sein, die die Welt damit ein Stück weit unfucken könnten, wie es ein Berliner Start-Up-Gründer einmal so sympathisch formuliert hatte. Wir würden europäischer sein als alle missglückten, kolonialisierenden und rassistischen Europäer zuvor. Für unsere Lebensläufe würden wir ganz selbstverständlich Auslandserfahrung und Sprachkenntnisse sammeln, was sich lohnen würde. Der Muff von 1000 Jahren unter den Talaren lag weit hinter uns, und so würden wir etwas Interdisziplinäres studieren — Geld und Glück kämen wie von selbst auf uns zu. Wir würden keinen Krieg erleben — wir würden aber wissen, dass er anderswo tobte. Mit unserer Hands-on-Mentalität würden wir sofort zum Helfen eilen. Insgesamt sollte für Alle Alles noch einmal ganz neu machbar sein. So in etwa ging diese missglückte Story, in a fucking nutshell.
Ich werde im nächsten Abschnitt noch etwas länger darstellen, wie das Millennium für mich begann und warum ich die euphorische Stimmung nur sehr eingeschränkt auch empfunden habe. In diesem Teil kehre ich noch einmal zum Jahreswechsel in Südtunesien zurück, was sich etwas ausführlicher gestaltet hat, als im ersten Entwurf beabsicht.
Referenzen
Van Gennep, Arnold (1909): Les rites de passage. Étude systématique des rites. Paris: Émile Nourry.

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