Blicke durch die Glaswand: im Flixbus nach Schleiz
Jetzt fahren wir aber erst einmal nach Schleiz. Schleiz, früher aus westdeutscher Perspektive „drüben“ und vergessen, kennen jetzt immer mehr Menschen — dank der Flixbusse. Der Autobahnverkehr ist durchwirkt von langen, rechteckigen, giftgrünen Flixbussen, die aussehen wie rollende Kaugummiverpackungen. Flixbusse sind mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein vorübergehendes Phänomen, das mit Sicherheit noch zu Menschengedenken verkauft und kreuzverkauft werden wird. Im Moment stehen Flixbusse stellvertretend für das Phänomen „Start-up“. Vor mir sitzt ein Mädchen mit Kopfhörerkrone und kaut grün riechende Kaugummis. Jedes Mal, wenn sie sich kauend dreht und wendet, dringt ein sauber-süßlicher Geruch zu mir, wie von Deospray und Hubba Bubba Apfel.
Schleiz lag früher drüben und vergessen, aber es wird wahrscheinlich auch in Zukunft wieder vergessen zwischen seinen Mono-Fichtenwäldern da liegen. Die Leute werden es wahrscheinlich bald wieder aus ihren Gedächtnissen gestrichen haben, so wie sie rasch die Namen der früher so eminent wichtigen Grenzübergänge vergessen haben. Besser erinnere ich mich an die Staus, an die Gerüche nach Thermoskannenkaffee, an kindliche Übelkeit vom Salamibrötchengeruch, an aufgeheizte Aluminiumheckscheibenlamellen, an den gefüllten Aschenbecher, an die Fliegenklatsche aus Plastik. Nicht so genau erinnere ich mich an den Namen des deutsch-österreichischen oder österreichisch-jugoslawischen Grenzübergangs (Kufstein?). Wer fährt denn heute noch ameisenschlau absichtlich über diesen oder jenen Alpenpass, um an einen weniger verstopften Grenzübergang zu gelangen? Gibt es den Loiblpass eigentlich noch?
Es mag aber vielleicht auch noch einige Jahre blühen, Schleiz, bis vielleicht weniger getankt oder noch schneller gerast werden kann.
Es war eine alles in allem sinnlose und anstrengende kurze Fahrt nach Berlin, die mich aus meinem Rückzug in die Welt der Dörfer gerissen hat, weil ich die Wohnung abnehmen und übergeben wollte, aber auch, um Bücher zu holen. Ein Ärgernis. Dazwischen zwei Mal Schleiz, mit je einer halben Stunde Pause vor einem McDonalds, an einer vor Kot und Urin starrenden Ligusterhecke gelegen. Die Reiserolltasche mit den vielen schweren Büchern: auch sie ein Ärgernis. Schwer bepackt mit spät- und neo-nationalistischen Schriften, auf dem Weg zwischen Berliner U- und S-Bahn gerissen, liegt sie jetzt aufgeplatzt im Kofferraum von Flixbus. Noch geschafft vom Horror der Berliner S-Bahnfahrt will ich gar nicht daran denken, wie es wird, diesen ganzen Schund ab Bamberg weiter in die Welt die der Dörfer zu transportieren. Relativ bald, nachdem wir Schleiz erst einmal hinter uns gelassen haben werden. Sobald sie leer ist, werde ich die Tasche fort werfen. Von den Büchern komme ich nicht so schnell los.
Noch sind wir aber auf der Autobahn. Vor Schleiz. Ich sehe mich zwar nicht weiter nach den Leuten um, verstecke mich hinter einer Sonnenbrille, ans Fenster geschmiegt, auf meinem bröselbedeckten Platz, die meiste Zeit Marlen Haushofers „Die Wand“ lesend, die sich mir auf Philipps Küchentisch aufgedrängt hat; da es an Bord von Flixbus WLAN gibt, lese ich zwischendurch den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag über Schleiz, den ich unnötig lang finde und nicht zu Ende lese. Ich stelle fest, dass es baschkortische, kirgisische, kasachische, malaiische, usbekische, makedonische und anderssprachige Artikel über Schleiz gibt. Mir prägt sich ein, dass Schleiz für ein süßes Kartoffelgericht namens Schleizer Bamser bekannt ist, dass der Name Schleiz auf das slawische Wort Slowicz (Zwetschge, Pflaume, Šljiva) zurückgeht, und dass der Ort aufgrund seiner Lage an Handelsrouten einmal von Bedeutung gewesen sein soll.
Ohne mich nach meinen Mitreisenden umzusehen weiß ich, dass die Leute ihre Fingerspitzen zeitgenössisch über das Touchscreen eines Smartphones oder Tablets schmieren, und dabei verkabelt und zugestöpselt zwischendurch geheimnisvoll über irgendwelche Botschaften lächeln. Vielleicht starrt der ein oder andere ja auch wie ich auf die Windräder und Solarstromfelder längs der sachsenanhaltinischen Autobahn. Es sind schöne, schlanke, moderne, meistens schneeweiße Zeugen der verbrauchten ersten Industriemoderne, die immer nervöser und angespannter wird, während auf der Autobahn immer schneller gerast werden soll. Abwrackprämien und Finanzierungen haben die letzten alten Kadetts, Polos und Pandas von den Straßen gefegt. Es wird nun auch von konservativen Parteien angeblich zur Energiewende gerufen. Selten werden die Ergebnisse dieser Rufe sichtbarer als bei einer Fahrt im Bus über die Autobahn quer durch Deutschland. Hoch zu Flixbus überblickt man die Landschaft besser als im PKW. Man sieht nicht nur Windräder, sondern auch große Solarfelder, und allerorten spitzen die aufgeblähten grünen Kuppeln der Biogasanlagen hervor. So betrachtet hat sich Deutschland sehr stark verändert in den letzten Jahren.

Es wird sehr viel Mais in mit dem Lineal gezogenen, gestreiften Feldern angebaut. Mais zu vergären lohnt sich durch den hohen Energiegehalt am meisten. Ich habe einmal gelesen, dass Mais in Mitteleuropa erst seit wenigen Jahrzehnten angebaut werden kann, weil es hier eigentlich zu kalt für ihn ist, oder war. Jetzt sieht man selbst auf den hoch gelegenen, durch den Fichtenbestand rau wirkenden Flächen des Vogtlandes rund um Schleiz Maisfelder. Werden in den Biogasanlagen keine Energiepflanzen wie Mais und Getreide vergoren, werden tierische Exkremente und Bioabfälle verwendet. Deswegen heißen Bioabfälle auf der Biotonne unten in meinem Berliner Hof auch nicht „Bioabfall“, sondern „Biogut“. Und so widersprechen sich alle Werte in unserem Zwischenzustand.
In den Radionachrichten wird über das neueste türkisch-deutsche Zerwürfnis berichtet, es fällt der Name Konya. Der Zwischenzustand wird auch in dieser Hinsicht immer nervöser und angespannter. Ich erinnere mich an die Schrillheiten meines Forschungsthemas, an die unwirklich hysterischen Diskurse der zuletzt transkribierten Fernsehbeiträge.
In den Sozial- und Geisteswissenschaften warnen jetzt viele vor den narrativen Zuspitzungen und dem diskursiven Explosionspotentials des Interregnums. In den Sozial- und Geisteswissenschaften halten es wohl viele für überflüssig, sich einmal zu tierischen Exkrementen, Bioabfällen und der Energiewende zu äußern. In den Sozial- und Geisteswissenschaften denken wohl viele, dass der maligne Teil der Menschenfamilie nur aufhören müsste, boshaft und niederträchtig zu sein, und die Welt wäre eine bessere.
Obwohl neben dem Bus die Autos wie schlimme Luftzüge und bedrohliche Geräusche an uns vorbei rasen, drehen sich die Windräder sachte in die Gegenrichtung. Wir kommen aus Nordost, der Wind weht monsunschwanger aus Südwest. Die Windräder sollten hier, um das Sachsen-Anhaltinische „Solar Valley“ und noch weit vor Schleiz, zu dieser Jahreszeit in einer brach und trocken darliegenden, abgeernteten, abweisenden Steppenlandschaft stehen. Über Austrocknung oder drohende Versteppung braucht sich in diesem Monsunsommer allerdings niemand zu sorgen. Zumindest niemand, der wie ich in diesem Sommer, nicht an den brütend heißen Gestaden des Mittelmeers Urlaub macht.
Irgendein Bauunternehmen muss davon profitiert haben, eine Autobahnkirche in die extrem säkularisierte ostdeutsche Landschaft gestellt zu haben. Vielleicht zum Hohn auf die nie zuvor so gottlosen Bewohnerinnen dieser Gegend. Ein sauberes deutsches Autobahnschild kündet davon und lädt indirekt zum Gebet. Man wird in Deutschland vergebens zerdellte, verwaschene, sich selbst überlassene Straßenschilder mit Einschusslöchern finden. Dabei muss es großen Spaß bereiten, auf Straßenschilder zu schießen, und auch noch in der Zeit nach der ständigen Schießerei den geschundenen Ländern geschundene Schilder vorzuhalten. Wer in Bosnien gereist ist, hat sie überall gesehen, die Penetrationen der Straßenschilder.
Der bajuwarische Busfahrer mit seinem stallernen, warmen Dialekt hört immer noch laut Nachrichten. So wie man früher eben das Autoradio mit den schlechten Boxen immer nur bei Nachrichten laut gestellt hat, und einem der Jähzorn kommen konnte, wenn die Nachrichtensendung unvermittelt in ein immer ärgeres Krächzen verschwand. Er wird wohl aus der Oberpfalz kommen, denn dort endet die Busfahrt. Seiner also etwas stallernen Dialektansprache zur Begrüßung hat der Busfahrer für Normdeutsch-Sprecher Unverständliches weitestgehend entnommen. Die Vokale bleiben jedoch in ihrem Schallvolumen weiterhin eindeutig bajuwarisch. Bis auf die Umlaute werden sie tiefer und von echten Rs und Ls abgetrennt. Der Fahrer hat sich die Rolle eines freundlichen, nicht allzu gestrengen Eltern-Ichs zurechtgelegt. Wie später, in Schleiz, klar wird, ist er in Begleitung seines Sohns und eines zweiten Oberpfälzers von ebenso stallerner Zunge. Uns moderiert der Fahrer in die Rolle erwachsener Schulbuskinder, was aber niemanden recht zu stören scheint, denn die milden Ermahnungen zur Bordtoiletten- und Gepäcknetznutzung können die Kinder selbstverständlich nachvollziehen, so sie denn die deutsche Sprache verstehen.
Kurz hinter Schleiz wird die neben mir sitzende fränkische Mutter noch anfangen, mit mir zu sprechen, und bemerken, dass diese Busfahrer ja viel zu viel sprächen. Sie selbst reißt sich sehr zusammen, hin zu einer normdeutschen Aussprache. Das tut mir für uns beide ein bisschen Leid, aber sie kann ja nicht wissen, wie gerne ich den fränkischen Dialekt höre. Sie hat ja gewiss irgendwie Recht: was wird da am Haupt unseres Busses in lautem, selbstbewusstem Bajuwarisch geratscht und gefachsimpelt! Fehlten eigentlich noch Stubenmusi und Gejodel aus dem Radio. Ich sage zur fränkischen Mutter, dass das oberpfälzische Geschwätze auch sein Gutes habe. Es sei nicht damit zu rechnen, dass der Fahrer einschläft. Das ganze Gebahren lasse insgesamt auf ein erfahrenes Verantwortungsbewusstsein des Busfahrers schließen. Mit ihm würden wir schon nicht in eine Böschung rasen und ohne Aussicht auf Rettung sofort in einer Stichflamme aufgehen und bis auf das Busgerippe abbrennen. In Schleiz, so kündigt der Fahrer hinsichtlich der Toiletten und der Müllzustände an, werde es einen Fahrerwechsel und gescheite Scheißhäuser geben.
Die Autobahnen werden, so wie alle Städte und die Welt der Dörfer, von immer größeren, schnelleren, panzerhaft bewehrten Kfzs — sogenannten „SUVs“ — befahren. Ich muss an einen vor kurzem erschienenen Artikel in der Süddeutschen über diese Sicherheit versprechenden Privatpanzer denken: „Sie sitzen in ihren kleinen Panzern und zerstören Natur“. Sie kaufen Bioprodukte ein und legen sie im Jutebeutel in ihren kleinen Panzer, oder so ähnlich.
„The thing is that there are obviously different ways to think about these kinds of situations. In this traffic, all these vehicles stuck and idling in my way: It’s not impossible that some of these people in SUV’s have been in horrible auto accidents in the past and now find driving so traumatic that their therapist has all but ordered them to get a huge, heavy SUV so they can feel safe enough to drive“ (David Foster Wallace, This is Water: Some Thoughts, Delivered on a Significant Occasion, about Living a Compassionate Life, pp. 5-6)
Ich sehe einen postgelben Zweiergolf mit altem Postsymbol. Wer sich heute in Deutschland mit einem Zweiergolf auf eine dieser sterilen Raserei-Adern wagt, wird angeschaut, verachtet, nicht selten durch Panzerglasscheiben angebrüllt, bestenfalls bemitleidet. Das Auto mag in Stand gehaltenen sein — aber ist es denn nicht peinlich? Gehört es sich denn, so über die Autobahn zu schleichen? Man muss keine Wahrscheinlichkeitsrechnung betreiben um zu wissen, dass sich eine Münchnerin in ihrem BMW mit grellen und bissigen Lichtschlitzen an windspitzer Vorderschnauze über ihr Bordtelefon zu diesem unverschämten Geschleiche empört, lichthupt, dicht auffährt, ja droht. Vielleicht irgendwo bei Schleiz. Man soll zwar seine Hauswände isolieren, man soll sich aber zusätzlich zur Zentralheizung auch noch einen Schwedenofen einbauen. Man soll zwar die Energiewende bejahen – man soll aber sein Smartphone rechtzeitig gegen ein neues eintauschen. Man versucht ja politisch zu denken, merkt aber, wie unpolitisiert globale Wirtschaftszusammenhänge sind. Neben den Kfzs lauter LKWs, aus Polen, aus der Ukraine, aus Belarus, aus Russland, aus Skandinavien, aus Tschechien, aus Italien, aus der gesamten Benelux, vom Balkan, aus dem Nahen Osten, aus Frankreich und vom Exportweltmeister Deutschland. Dazwischen kaugummipackungsgrüne Flixbusse mit verkabelten und verstöpselten Smartphone-Konsumenten, die aus und in die Stadt mit immer mehr Obdachlosen fahren, und irgendwann in Schleiz halten.
Wenn es heißt: die Wirtschaft brummt – dann ist das das Brummen.
