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Frühling

Geziefer

Das fränkische Wort »Geziefer« kam mir heute in den Sinn, als ich einen Artikel über Mensch-Tier-Beziehungen las. Wie so oft ging es mal wieder um den Wolf. Das kann man halten, wie man will, aber ich stehe Wölfen recht freundlich gegenüber, wie fast allem Geziefer. Und auch wenn ich Haie verabscheue: Ungeziefer gibt es nicht. Alles ist Verwandtschaft, wie Donna Haraway schreibt. Die Autorin verwendet dafür den Begriff Critter, und ihre Übersetzerin behauptet, im Deutschen gäbe es kein Entsprechung, weshalb sie ihn zu Kritter macht. Nichts für ungut: Aber Franken würden wahrscheinlich eher »Geziefer« sagen.

Der Winter ist vorbei und ich habe die Winter-Kapitel nicht geschrieben! Dabei ist es doch im Sommer nach dem 25-jährigen Abiturtreffen so eskaliert. Das Buch Acta Francorum bildete sich vor meinem inneren Auge schon fast ab. Es liegen Fotos und Ordner von Texten herum, wollen weiter geordnet, diszipliniert, gegen den Strich gebürstet und wieder gekämmt werden, sind hängen geblieben, irgendwo in den Raunächten. Der Grund: Ich lese und schreibe jeden Tag wie ein Besessener. Meistens geht das bis tief in die Nacht so, oft fängt es auch erst ab Mittag an, so etwas laugt aus – und über so etwas Unvernünftiges redet man auch nicht viel. Besser, man spricht nicht viel darüber, wie die Erfahrung lehrt. Über undemokratische Emotionen, über Ressentiment und Verhetzung, über Revision und Revisionismus, über Baustoffe und andere Säulen der „Zivilisation“, über fehlgeleitete Ideologie, über den populistischen Progress da draußen. Die Leute wollen lieber über Kleineres reden, das Große und Ganze unbehagt sowieso schon.

Eigentlich ist das alles aufmerksamkeitsverzehrend. Seit Monaten setze ich mich deswegen besonders intensiv mit den Diskussionen und Debatten rund um das Anthropozän auseinander, weil ich das für eigentlicher halter. Es gibt Befürworter und Gegner des Begriffs. Ich tendiere zu beiden Seiten, habe es noch nicht zu Ende ausdiskutiert. Die Literatur, die Datenbanken, Portale, Studien sind ausufernd. Alle haben gute Argumente. Man muss weit hinein in die Geologie, Biologie, Erdsystemforschung – das ist höchstinteressant, so muss das sein, das verlangt aber Zeit, Hingabe, Konzentration. Man darf (muss) danach sein eigenes Studium noch mal neu durchdenken, es ist schwindelerregend, fast macht es süchtig. Suche, suchend, Sucht, süchtig. Gerade plane ich zusammen mit einer neuen Bekannten eine Veranstaltung rund um das dahinterstehende Thema, wir greifen dafür ins Wasser. Es ist alles nicht nur sehr inspirierend, sondern dermaßen aktuell und brisant, dass es gern übersehen wird. It’s the groundwater, stupid! – Dazu habe ich zuletzt drei Zeitungsartikel veröffentlicht, vielleicht, um zu sehen, ob noch jemand so denkt wie ich.

Grundsätzlich geht es bei diesem Thema immer um größere Zusammenhänge – egal, wie man jetzt zum Begriff Anthropozän steht. Immer geht es um das Inter-Esse von Menschen und Nicht-Menschen. Auch im Kleinen das Große: Was die Heumaht mit den Schlüsselblumen mit den Herbstzeitlosen mit den Bienen mit dem Hausschaf mit dem Schafskäse im Kühlschrank miteinander zu tun haben, und so weiter. Miteinander, so ein unterschätztes Wort, das mir gut gefällt. Mit Biosphäre lässt es sich vielleicht ganz gut abkürzen, aber heute ist es mir im Besonderen um das fränkische Wort GEZIEFER bestellt. Wer in Franken aufgewachsen ist, mit dem Dialekt, auf dem Land, wird es auf jeden Fall kennen. Gut möglich, dass man GEZIEFER woanders auch verwendet. Jedenfalls landet dieser kurze, schnell geschriebene und wenig reflektierte Beitrag deswegen auf Acta Francorum. Zwischen die Absätze werde ich immer wieder GEZIEFER streuen. Was damit anzufangen ist, bleibt allen selbst überlassen. Ich jedenfalls verwende das Wort jetzt wahrscheinlich wieder öfter, wenn auch wahrscheinlich anders, als man es vor 30-40 Jahren in fränkischen Dörfern gebraucht hat. Und damit zur ersten Streuung.

GEZIEFER
Das Wort GEZIEFER kam mir heute in den Sinn, als ich den Artikel Vom Mythos zum Problemtier: Die Geschichte von Mensch und Wolf war immer dramatisch im FREITAG anfing, zu lesen. Eigentlich sollten Texte wie dieser essentieller sein als Fragen rund um Hormuz – wo eben nur ein besonders dramatisches Kapitel des Zuendegehens der eskalierten Industriemoderne und des fehlgeleiteten Ideologems „Macht Euch die Erde Untertan!“ geschrieben wird. Die einen verstehen jetzt besser, die Mehrheit versteht jetzt in Furcht und Habgier noch schlechter als vorher, dass Menschen in erster Linie der Erde Untertan sind. Wie jedes andere GEZIEFER. Ich bin jetzt schon etwas abgedriftet. Hier noch einmal ein kurzer Ausschnitt aus dem genannten Artikel, der mich überhaupt wieder auf das GEZIEFER gebracht hat:

»Zu den Tieren, die unter den Menschen Freund- und Feindschaften auslösen, gehören – neben Haien, Bibern, Geiern oder Bären – ganz prominent die Wölfe. Den einen erscheinen sie als eine wundervolle Rückkehr vertriebener Natur, den anderen als Gefahr für Nutztier und Mensch.«

Seeßlen, G. (2026) „Mythos und Problemtier: Die Geschichte von Mensch und Wolf war immer dramatisch“, Der Freitag, 27 März. Verfügbar unter: https://www.freitag.de/autoren/georg-seesslen/mythos-und-problemtier-die-geschichte-von-mensch-und-wolf-war-immer-dramatisch (Zugegriffen: 28. März 2026).

Ich muss zugeben, dass ich mich für Haie nicht erwärmen kann — dafür aber für Schlangen, auch die giftigen — und ansonsten stehe ich allem aufgeführten GEZIEFER freundschaftlich gegenüber. Ich würde auch gerne einmal eine freie Hyäne sehen. Als wir in Brasilien waren, hatte sich Vanadis gewünscht, einmal Geier zu sehen. Als wir dann am Rio Urubú waren, einem schwarzwassrigen Seitenfluss des Rio Negro – beider Name ist wohl Programm, Rio Urubú bedeutet Geier-Fluss – sahen wir alsbald auch Geier. Neuweltgeier, genauer gesagt. Irgendwo habe ich noch Fotos von ihnen. Wir sahen jetzt also ständig Geier in unserem Amazonascamp, das nur per Boot erreichbar war. Ganz alltäglich saßen sie auf den amazonischen Baumwipfeln, über allem anderen GEZIEFER, spreizten ihr nasses Gefieder zum Trocknen in die Luft. Sie waren genauso da wie der minikleine, giftige Frosch auf dem Holzpfahl, der in der Nacht im Halbminutentakt ungeheuerlich laute, erschöckliche Geräusche von sich gab. Graue Flussdelfine, die selteneren rosa Flussdelfine. Kaimane, deren Augen vor Sonnenaufgang (einer raschen, wenig spektakulären Angelegenheit in Amazonien) im Lichtkegel der Taschenlampe flektierten. Die anderen hörten einen Jaguar brüllen, dafür sah ich Affengruppen in den Baumwipfeln. Unterwegs zu einem weiteren Camp, eigentlich ein reines Blätterdach über Hängematten, fiel uns ein rohes Hühnerei aus dem Proviant. Als wir einen Tag später wieder an der Stelle vorbeikamen, lag es immer noch da: Keines vom vielen GEZIEFER hatte sich offenbar dafür interessiert.

Auf dem Rio Urubú, 2006

GEZIEFER
GEZIEFER ist nicht Ungeziefer. Es ist meinem Dafürhalten nach auch gar nicht abwertend zu verstehen. Nachdem ich Donna Haraway gelesen habe, die das Wort KRITTER verwendet, sprach mich das zwar an, ich tat mir aber auch schwer, mich an das Wort zu gewöhnen. Im Kern ist es aber ein dringend nötiger Begriff. Könnte er nicht auch anders lauten, Synonyme führen? Warum nicht GEZIEFER? Ich habe schnell im Internet recherchiert. Es gibt einen sehr kurzen Wikipedia-Eintrag zu GEZIEFER: „Der Begriff findet sich fast ausschließlich in alten, oft in biblischen Texten“, heißt es dort. Der nächste und letzte Satz lautet: „In Franken ist Geziefer eine gebräuchliche mundartliche Bezeichnung für eine Gruppe von kleineren Nutztieren, insbesondere Geflügel.“ GEZIEFER ist für mich heute kein Synonym für „Nutztiere“, und ich finde, man sollte diesen Begriff („Nutztiere“) nur in Anführungszeichen verwenden. Ich verstehe GEZIEFER ganz ähnlich, wie Haraway KRITTER (engl. Critter) verwendet.

Kurz dazwischen gebellt (denn sind wir nicht alle GEZIEFER?):
Ich glaube, Zwischenrufe zu Begriffen und ihren Viel- und Mehrdeutigkeiten sind heute grundsätzlich schwer vermittelbar. Nein, früher war nicht alles besser, aber früher gab es eben auch keine „Social“ Media. Die Kognitionszentren sind durch „Social“ Media und Identität schwer beschädigt, schwer beeinträchtigt. Da muss alles eindeutig, alles „sichtbar“ sein. Linguistische Nunancierungen wie Homophonie, Homonymie, Polysemantik, Synonymie etc. — das überfordert, das wird verbellt. KRITTER lese ich eigentlich nur bei Haraway, ihr Buch ist aber schon relativ „alt“, es hat sich also nicht „durchgesetzt“. Das steht in einem Gegensatz zu allerlei Begriffen, die auf einmal alle führen, die quasi eindeutig, wissenschaftich daherkommen – und oft doch nur Verballhornungen sind. Wissenschaftlich klingendes Vokabular – „epistemische Gewalt“, „toxisch“, „dissoziiert“, „binär“, etc. – das alles hat seine Berechtigung, verkommt aber auch immer zu einer Art „Social“ Media Chic. Identität weiß Bescheid. Manche wollen nicht-binär sein – als könnte Nicht-Binarität jemals ein Seinszustand sein, was semantisch der reinste Unsinn ist! – und treiben die Welt darüber in noch strengere, fehlgeleitete Binaritäten. Wohin diese Fehlleitungen noch führen – ich fürchte, wir werden es bald wissen. Aber was belle ich da? Kommen wir zurück zum GEZIEFER.

GEZIEFER
Die Autorin Donna J. Haraway verwendet in ihrem Buch Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthulzän KRITTER als Überbegriff für alles Verwandte, symbiotisch miteinander lebende, darunter Menschen, Tiere, Pilze, Mikroben, Schleimpilze, Flechten, etc. Der Begriff kommt wohl auch im Schwedischen vor. Haraways Buch ist, wie soll ich sagen, in einem eigenartigen Stil geschrieben. Hemdsärmlig wirkt es teilweise, nicht oder kaum redigiert, kreativ, sehr frei, teilweise wirkt es auch schlampig, immer wieder ist es humorvoll, zwischendurch genial. Sehr gemischt also, in jedem Fall eine Erfrischung im Vergleich zu vielem anderen, was ich in den letzten Monaten und Jahren gelesen habe. In den 70-seitigen Anmerkungen heißt es ganz am Anfang, in Fußnote 3:

Nun, die Übersetzerin merkt an, es gäbe im Deutschen keinen Ausdruck, „der die Bandbreite des Gemeinten wiedergibt“. Ich würde einwenden: Es gibt ja auch noch den fränkischen Dialekt. Und da sagt man eben: GEZIEFER. Freilich wäre gegen GEZIEFER auch etymologisch schnell ein Vorwand gefunden, denn GEZIEFER bedeutet zwar nicht das Kreatürliche oder Geschaffene – geschaffen durch einen in den abrahamitischen Religionen fast ausschließlich männlich vorgestellten Gott – gegen das sich der m.E. sehr berechtigte Einwand gegen Kreatur oder Kreation richtet, sondern, ganz ursprünglich und nicht wiedererkennbar, das althochdeutsche Zepar für Opfertier. Davon leitet es der Wikipedia-Artikel Geziefer unter Referenz auf das Grimm’sche Wörterbuch der deutschen Sprache her.

GEZIEFER

Ein weiterer Einwand gegen das GEZIEFER wäre der übliche Sprachgebrauch in Franken, wo GEZIEFER fast immer oder ausschließlich „Nutztiere“ bezeichnet (hat). Ich beobachte, dass in Franken der Dialekt auf dem Rückzug ist, wie auch in anderen Dialektregionen. Mein Neffe, ein geborener Berliner, der jedoch in Unterfranken aufwächst, reagiert regelrecht allergisch, wenn sein in Berlin lebender Onkel, der seinen Herkunftsdialekt über Assimilation weitgehend verloren hat, absichtlich starke Dialektausdrücke verwendet, harte Konsonant gezielt aufweicht, anstatt „nach Schweinfurt“ auf Schweifert, anstatt „nach Hofheim“ auf Hoffinga sagt, und er sagt das freilich rein zur Zerstreuung. Ich weiß nicht, ob das Wort GEZIEFER in Franken noch eine große Zukunft hat, es ist zumindest stark zu bezweifeln. Meine Mutter ist zwar ursprünglich keine Fränkin (sondern Jugoslawin), aber ausgerechnet sie, die den fränkischen Dialekt als Fremdsprache gelernt hat, hat das Wort GEZIEFER immer noch im aktiven Sprachrepertoire. Früher hat sie immer Sätze gesagt, die wahrscheinlich oft in Franken fielen:

„Das GEZIEFER muss versorgt werden“

„Und, wer versorgt dann euer GEZIEFER?“

„Wenn man soviel GEZIEFER hat, kann man schlecht in Urlaub fahren“.

Freilich waren mit GEZIEFER meistens Hühner gemeint, bei den Nachbarn auch Schweine („die Säu“) und Kühe („die Rindviecher“) – aber auch Hunde und Katzen konnten zum GEZIEFER gezählt werden. Ich will darüber nicht das Wort „Ungeziefer“ rehabilitieren, denn so etwas gibt es ebensowenig wie „Unkraut“ – während wertschätzend von Kraut und Kräutern die Rede ist (in Franken auch von Kräudich). Mein vorübergehender Schluss hier ist, dass ich jetzt wahrscheinlich wieder viel häufiger GEZIEFER verwenden werde. Vielleicht ja auch KRITTER.

Referenzen

Haraway, Donna (2018). Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. 1. Auflage. Übersetzt von K. Harrasser. Weinheim: Campus Verlag.

Seeßlen, Georg (2026). „Mythos und Problemtier: Die Geschichte von Mensch und Wolf war immer dramatisch“, Der Freitag, 27 März. Verfügbar unter: https://www.freitag.de/autoren/georg-seesslen/mythos-und-problemtier-die-geschichte-von-mensch-und-wolf-war-immer-dramatisch (Zugegriffen: 28. März 2026).

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