Dürre









Es war ein kurzer Aufenthalt in der Rhön und in den Haßbergen. Wie immer und zu jeder Jahreszeit habe ich es trotzdem in die Wälder geschafft. Seit vielen Jahren beobachte ich genau, was sich dort tut und verändert, insbesondere seit dem ersten Corona-Lockdown 2020. Damals habe ich angefangen, mich gleichzeitig mit Heinrich Heines Wald- und Baummetaphern zu beschäftigen, um die es in einer der Thesen zur Verteidigung meiner Dissertation ging — und für dieses Projekt, die Acta Francorum, meine älteren Klima-Essays neu zu sortieren. Bei diesem Besuch waren die Schäden des zurückliegenden Hitze- und Dürresommers sofort zu sehen, in beiden bewaldeten Mittelgebirgen. Die Waldhänge sehen fleckig aus, fast wie im Oktober. Viele Bäume haben ihre Blätter schon teilweise abgeworfen, oder aber sie sind verwelkt und verfärbt. Anders als nach den Dürren ab 2018 scheinen gerade weniger die Koniferen betroffen zu sein. Es sind die Birken, die Buchen und andere Laubbäume, die unter den extrem hohen Temperaturen und geringen Niederschlägen gelitten haben.
Ernte




Es gibt in diesem Jahr so gut wie keine Äpfel. Das ist mir schon in Staatsbad Brückenau aufgefallen, wo ich mich normalerweise in dieser Jahreszeit an den Apfelbäumen einer Parkanlage labe, die scheinbar nie jemand erntet. Genau dort gab es zwar auch in diesem Spätaugust durchaus Äpfel; die meisten lagen aber schon am Boden, viel zu früh, umschwirrt von sehr wenigen Wespen und anderen Insekten. Sie waren klein und schrumpelig. Auch die noch an den Zweigen hängenden Früchte waren alles andere als knackig und einladend. Was mir seit Jahren auffällt: Es wird fast nichts geerntet. Andererseits gibt es Bemühungen, Streuobstwiesen erneut anzulegen, die für diese Gegend Unterfrankens so typisch waren. Doch man muss sich auch fragen, was mit dem Obst denn dann geschehen soll? Was ebenfalls gar nicht geerntet wird, sind Pflaumen, Mirabellen, Zwetschgen. Diese sind, anders als die Äpfel, sehr gut, auch wenn meine Informantin Inge zu beanstanden hat, sie seien weniger saftig als sonst. Ich habe mich an sehr vielen unterschiedlichen Bäumen bedient. Zum ersten Mal ist mir aufgefallen, wie viele unterschiedliche Sorten es gibt: innen fast grüne, orange oder gelbe. Auch die Trauben waren köstlich und schon reif. In der Mainpost war zu lesen, die Bauern der Haßberge schätzten sich glücklich, denn man befände sich gleichsam wie auf einer Insel in Bayern, wo durch die Trockenheit ansonsten große Ernteverluste hinzunehmen waren. Natürlich sind das in einem lokalen Rahmen erst einmal gute Nachrichten. Aber sie können nicht überdecken, dass es insgesamt ein katastrophaler Sommer war, an den Niederschlagsmengen und Temperaturen gemessen. Wir sehen jetzt ganz deutlich, dass sich das Klima verändert hat, weswegen viele Geologen, Biologen, Weltsystemforscherinnen, aber auch Sozial- und Geisteswissenschaftler inzwischen vom Anthropozän sprechen, dem Zeitalter des Menschen.
Zeigerpflanzen des Anthropozäns




Es gibt unterschiedliche Ansätze, das Anthropozän als neues Erdzeitalter auszurufen, zu behaupten, zu bestreiten, zu hinterfragen und zu belegen. Eine Möglichkeit besteht darin, neben den geologischen und geomorphologischen Veränderungen der Erde von den Pflanzen auszugehen, die uns heute umgeben. Man könnte demnach bei Pflanzen, die es erst seit dem Anthropozän an bestimmten Orten gibt, von Zeigerpflanzen des Anthropozäns sprechen. Ich habe hier nur einige wenige fotografiert, wie die Mittelmeer-Zypresse, die Douglasie und die Chinesische Hanfpalme (Trachycarpus fortunei); auf irgendeinem Speichergerät lagern auch noch Bilder vom Indischen Springkraut und der kanadischen Goldrute. Die Mittelmeer-Zypresse wirkt vielleicht nicht sehr exotisch. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es für sie aber zu kalt in Unterfranken und anderen Gebieten Deutschlands. Heute ist sie selbst in Berlin kein seltener Anblick mehr. Die hier fotografierten Exemplare wachsen seit Jahren ohne Winterschutz und nehmen offenbar keinen Schaden an den Winterfrösten, die es weiterhin gibt, aber nicht mehr im selben Maß wie früher. Die Douglasie ist seit langem in den Forsten Mitteleuropas anzutreffen und kommt ursprünglich aus Nordamerika. Sie gehört zu jenen Pflanzen, die zum Bestand des großen transkontinentalen Transfers gezählt werden, wozu auch die Kartoffel oder die Tomate gehören. Die lange Präsenz dieser Pflanzen auf anderen Kontinenten, die allein den Menschen zu verdanken ist, liefern ein Argument für einen frühen Beginn des Anthropozäns in der Frühen Neuzeit. Ob die Chinesische Hanfpalme hier heimisch wird, ist unklar, aber auch sie überlebt an vielen Standorten inzwischen Winter ohne Schutz. Der Pilz ist meines Wissens keine vom Menschen hierher gebrachte Art. Er ist hier abgebildet, weil er mich an Anna Lowenhaupt-Tsings Pilz vom anderen Ende der Welt erinnert: in diesem Buch beschreibt die Autorin beeindruckend, wie eng vernetzt die Entwicklungen mehr-als-menschlicher Geschichten heute über alle Kontinente hinweg sind.
Energie- und Ressourcenwende


Eine junge Frau und ihre Mutter in meinem Heimatdorf haben sich für Holzbauweise entschieden, was in der Baubranche ein relativ junger, jedenfalls noch recht wenig verbreiteter Trend ist. In einer Beitragsserie über Zementbauweise und sogenannte Bullshit-Buildings auf Neopopulismus.de habe ich mich mit dem Problem des CO2-Ausstoßes auseinandergesetzt, der von der Zementbauweise verursacht wird: Die Zementproduktion ist verantwortlich für acht Prozent der CO2-Emissionen weltweit, womit sie sich auf Platz zwei der Haupt-Emissionsquellen befindet, direkt hinter der Verbrennung fossiler Energieressourcen. Holzbauweise gilt als eine der realistischsten Alternativen für Zementbauweise, weil Holz eine nachwachsende, überdies CO2-speichernde Ressource ist. Neben diesem Merkmal der Energiewende fallen immer neue Solaranlagen auf Dächern oder auch auf den Feldern außerhalb der Ortschaften auf. Auch sie sind Zeiger der Energiewende, die gerade stattfindet, auch wenn die Regierung mit allen möglichen Irrlichtern davon abzulenken versucht, von der Rede über die „Technologieoffenheit“ bis hin zu Lobby-Aktivitäten zugunsten der Gas-Branche. Oft erlebe ich, wie sich Menschen auf völlig irrationale Weise über diese Veränderungen echauffieren. Veränderungen machen vielen Menschen Angst, und ich denke, wer auch immer daran arbeitet, lösungsorientierte Veränderungen im Bereich Energie oder Bau herbeizuführen, muss sich über diesen mächtigen Gegner im Klaren sein.
Kurorte: Die Wertschätzung des Wassers








Im Gegensatz zu Südosteuropa, wo der Anteil (nahezu) naturbelassener Flüsse noch bei zirka 70 Prozent liegt, sind es in Deutschland gerade einmal zehn Prozent. Außerhalb der Alpen sucht man sie vergebens. Die Sinn in der Rhön wirkt da ein wenig wie eine Ausnahme, denn sie erscheint immerhin nahezu naturbelassen (oder renaturiert). In der Rhön gibt es viele Mineral- und Heilwasserquellen. Das hat auch dazu geführt, dass hier Kurorte wie Bad Kissingen oder Bad Brückenau mit dem Ortsteil Staatsbad entstanden sind. Ich konnte mit den meist bieder wirkenden Kurorten nie viel anfangen. Aber in letzter Zeit blicke ich etwas anders auf diese Institutionen, die der Gesundheit der Menschen gewidmet sind. Im Grunde ist in Heilwasser-basierten Kurorten ein Kult um sauberes Wasser entstanden, der sich vielleicht als nützlich herausstellen kann, wenn es darum gehen soll, Gewässer zu schützen. Vielleicht sollte man den jüngeren Trend um das Waldbaden ebenso ausbauen, um Wälder zu schützen. Warum also nicht auch Waldbadorte schaffen? Man müsste dafür auch rein gar nichts anderes tun als — den Wald zu bewahren.
