Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie das neue Millennium für mich begann. Ich verbrachte damals die Weihnachtsferien samt des Jahreswechsels zusammen mit der Ständy, die nicht zu unserem Jahrgangstreffen gekommen war, in Südtunesien. Während wir mit Gedanken an unser kurz bevorstehendes Abi in den Flieger nach Monastir stiegen, bereiteten sich unsere Gastgeber auf ihr Bac vor, das dort offenbar eine noch viel strengere und ernsthaftere Angelegenheit war als das Abitur bei uns. Unsere Freunde holten uns am Flughafen Monastir im Sahel ab, von wo es mit dem Zug in Richtung Südosten ging. Irgendwo endete die Zugfahrt, gefolgt von einer Taxifahrt nach Gafsa, wo wir die nächsten zwei Wochen über wohnten…Weiterlesen(6) Das Millennium beginnt am Chott el Djerid und hält keines seiner Versprechen
Das grafische Motto der Abi-Zeitung zeigt dreizehn Spermien (Schuljahre) neben einem Raumschiff im Weltall auf ihrem Weg in die Zukunft. Eher beiläufig ist wohl ein allgemein verbreiteter Zeitgeist rund um die Zahl 2000 auf das Cover geraten, der zwischen futuristischer Euphorie und dem sogenannten Jahr-2000-Problem hin- und herschwankte. Heute fordert dieses symbolschwangere Bild — um die Spermien-Allegorik weiterzudenken — geradezu auf, sich mit der Masse optimistischer Botschaften hinter der Zahl 2000 noch einmal etwas genauer zu beschäftigen.Weiterlesen(5) Übergangsriten und das Jahr-2000-Problem
Obwohl die Atmosphäre grundsätzlich heiter war, so schien den gesamten Abend über auch eine diffuse Form von Traurigkeit durch die Gespräche und aus den Gesichtern. Die unterschwellige Traurigkeit an diesem Abend hatte nicht vordergündig mit den mindestens vier Sterbefällen zu tun, die unser Jahrgang inzwischen zu verzeichnen hat. Vielleicht war die Traurigkeit ja auch eher im Phantomschmerz über einen zurückliegenden Heimatverlust begründet — mit anderen Worten: Nostalgie.Weiterlesen(4) Heitere Gespräche bei diffuser Traurigkeit: ein Fall von Nostalgie?
(3) Das Jahrgangstreffen in Zeil
Im Bourdieu-Jahr 2004 lag natürlich objektiv betrachtet gar nichts wahnsinnig lange zurück. Das Abitur, diese ach so wichtige Wegmarke, auf die man sich jahrelang vorzubereiten hatte, war gerade vier Jahre her. Was wurde doch für Angst und Schrecken vor diesem Prüfungsritual verbreitet. Und dann war es auf einmal vorbei und ließ uns fortgehen — einfach so. Das Wort Abitur bedeutet auch gar nichts anderes, als dass man fortzugehen hatte: abire, fortgehen.Weiterlesen(3) Das Jahrgangstreffen in Zeil
Im zweiten Teil meiner Essay-Reihe, die in Folge des 25-jährigen Abiturtreffens im Sommer 2025 entstanden ist, beschäftige ich mich mit Klassenfragen. Ich kehre zurück ins Jahr 2004, das unter dem Strich von der Lektüre Pierre Bourdieus geprägt war. Weiterlesen(2) Das Bourdieu-Jahr und ein paar wichtige Klassenfragen
(1) Das fünfundzwanzigste Jahr
Weiß der Abiturient von damals heute, welche Weichen er gestellt hatte und wohin er aufgebrochen war? Kennt er jetzt seine Richtung? Und wie sollte er sie sehen können, ohne die eigene Herkunft zu betrachten? So ließen sich die Leitfragen dieser momentan zehnteiligen Essay-Reihe anlässlich des 25. Abiturjahrgangstreffens am 25. Juli 2025 in Franken zusammenfassen. Hier Teil 1 (Einleitung).Weiterlesen(1) Das fünfundzwanzigste Jahr
Das fränkische Wort »Geziefer« kam mir heute in den Sinn, als ich einen Artikel über Mensch-Tier-Beziehungen las. Wie so oft ging es mal wieder um den Wolf. Das kann man halten, wie man will, aber ich stehe Wölfen recht freundlich gegenüber, wie fast allem Geziefer. Und auch wenn ich Haie verabscheue: Ungeziefer gibt es nicht. Alles ist Verwandtschaft, wie Donna Haraway schreibt. Die Autorin verwendet dafür den Begriff Critter, und ihre Übersetzerin behauptet, im Deutschen gäbe es kein Entsprechung, weshalb sie ihn zu Kritter macht. Nichts für ungut: Aber Franken würden wahrscheinlich eher »Geziefer« sagen. WeiterlesenGeziefer
Immer, wenn ich mit meiner Mutter (wie erst vergangene Woche) über besonders tragische Sterbefälle spreche, ob im Francorum oder in…WeiterlesenVon der Unmöglichkeit, unter besseren Umständen 46 zu werden werden
Am 9. November erinnere ich an die konzertierten Pogrome vom 9./10. November 1938 — stellvertretend und in aller Kürze an die Geschichte der jüdischen Präparandenschule aus Burgpreppach. Wie in vielen gemischtkonfessionellen unterfränkischen Dörfern waren die Schulen bis in die 1960er Jahre nach Konfessionen getrennt, doch die jüdische Präparandenschule (erbaut 1875, zerstört 1938) war unter allen Dorfschulen Unterfrankens etwas ganz Besonderes. Mein Heimatlandkreis Haßberge war bis zum Genozid der Nazizeit einer der wichtigsten Standorte des fränkischen Landjudentums. Diese Geschichte von Genozid und kultureller Verarmung wird nie mehr „wieder gut“. Raphael Lemkins frühe Definition von Genozid und der Auftrag „Nie wieder!“ bleiben aktuell.WeiterlesenLandjudentum in Franken (II): Zum 9. November 1938
»Wer sich in die Geschichte der Hexenprozesse vertieft, betritt eine Welt ohne Licht und Wärme, eine Welt, wo nur Schmerz und Trauer und Verzweiflung, kalter Haß und blindes Vorurteil herrschen; wahrlich die Welt des Teufels«, so die Worte des Forschers Hugo Zwetsloot. Im zweiten Teil dieser Beitragsreihe über die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit in Europa habe ich mir vor allem die Hexenprozesse von Anklage bis Scheiterhaufen genauer angeschaut — auf der Suche nach wiederkehrenden Pathologien der Geschichte.Weiterlesen„Crimen exceptum“: Franken als Hochburg des Hexenwahns der frühen Neuzeit (II)
In dieser kommentierenden und textnahen Rezension des Buchs „Hexen und Hexenprozesse in Deutschland“, herausgegeben vom Historiker Wolfgang Behringer, nähere ich mich dem Zusammenhang einer folgenreichen Komplizenschaft an: jener zwischen Klimageschichte, den Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit Mitteleuropas, Bezügen zu Antijudaismus und Antisemitismus — sowie Parallelen zu unserer Zeit, die ebenfalls stark von Umweltveränderungen und reaktionären Dynamiken geprägt ist. Weiterlesen„Crimen exceptum“: Franken als Hochburg des Hexenwahns der frühen Neuzeit (I)
Dieser Beitrag über das Landjudentum und Cordula Kappner hätte längst erweitert werden sollen um mindestens zwei weitere Kapitel, nämlich zum Ort Burgpreppach sowie zur Geschichte eines Überlebenden des deutschen Genozids an den Juden, den ich nach Veröffentlichung des ersten Beitrags in Berlin treffen durfte. Die Geschichte des Fränkischen Landjudentums ist etwas ganz Besonderes — und auch etwas ganz besonders Tragisches, ohne deshalb das „Damals“ schönen oder idealisieren zu wollen. Diese Beiträge werden im Herbstkapitel angesiedelt sein.WeiterlesenAuf-Arbeitung von Geschichte und die Verdienste der Cordula Kappner: Landjudentum in Franken (I)
„Ima neka tajna veza“ ist der Titel eines sehr jugoslawischen Songs, den ich erst in den 1990er Jahren kennengelernt habe, zur Zeit des Bosnienkrieges, als immer mehr Kassetten und CDs aus der zerschossenen Jugosphäre zu uns kamen. Damals kam auch die blaue Bijelo Dugme CD. Der Song Ima neka tajna veza wurde auch, aber nicht nur von der vielleicht jugoslawischsten aller jugoslawischen Bands interpretiert.Weiterlesen„Trotzdem“, Jugomukke und artgerechtes Denken einer Pita: eine innige Verbindung nach Jugoslawien
Mittlerweile wird viel über Markus Söders „fetischhafte Wurstfresserei“ (Robert Habeck) gespottet, aus gegebenen und nachvollziehbaren Gründen. Doch Söder ist sehr viel talentierter, wie seine Selbstinszenierung zum „Baumfreund“ während der Pandemie gezeigt hat. Hatte Söder damals auf dem Feld grüner Themen gewildert? Oder heimelte er vielmehr ein naturverbundenes Bayern an? Diesen älteren Beitrag über den CSU-Mann als Baumfreund werde ich zumindest teilweise in die Acta Francorum aufnehmen. WeiterlesenDer CSU-Mann Söder inszeniert sich als Baumfreund
Morbide Wiesen: Noch einmal zum Sommer
Immer wieder wird vor Katastrophismus „gewarnt“. In einem Radiofeature heißt es hingegen, das Massenaussterben der Gegenwart beträfe die gesamte Megafauna. Es gehe gar nicht „nur“ darum, ob der Orang Utan nun für immer verschwindet. Es gehe auch um Pferde, Kühe, Hunde, Katzen, Vögel und Schweine. Keinem Tier, das das Format einer Ratte an Größe übertrifft, wird eine Überlebenschance eingeräumt. Andererseits könnten nicht nur die Ratten das Rennen machen: Sollten sich die Buchen als resilient erweisen, könnte sogar der unscheinbare Siebenschläfer noch einmal ganz groß raus kommen. Dieser steht nur auf, wenn der Buchenwald zum Mastjahr ruft. Mit ausdauerndem Schlaf, monatelangem Fasten und gierigem Mastfraß käme er vielleicht durch die Meta-Katastrophe.WeiterlesenMorbide Wiesen: Noch einmal zum Sommer
Die tropische Zone ist zusammengebrochen
Dieser Beitrag ist vor einigen Jahren auf Dunyalook entstanden. Ich habe ihn in die Kategorie Sommer der Acta Francorum verschoben, um den zentralen Aspekt des Beitrags herauszuarbeiten und weiterzuverwenden: Die tropische Zone ist zusammengebrochen. Mit den Tropen meine ich die Fixpunkte unseres diskursiven „Running to and fro“. Es geht nicht „nur“ um die Klimaveränderung an sich, sondern um einen Zerfallsprozess alter Gewissheiten, der damit einhergeht. Diese Dynamik wird selten beschrieben — vermutlich, weil sie gerade erst am Geschehen ist.WeiterlesenDie tropische Zone ist zusammengebrochen
















